Deutsche Gier

von Redaktion

Das Buch „Zucker, Schnaps und Nilpferdpeitsche“ reflektiert den Kolonialismus

VON KATJA KRAFT

Besonders schockierend an diesem in vielerlei Hinsicht schockierenden Buch ist, dass man so wenig von dem weiß, was hier verhandelt wird. Die deutsche Kolonialgeschichte – eine Leerstelle im Unterricht und in der öffentlichen Aufarbeitung. Sätze wie „Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen“ oder der Wunsch nach dem „Platz an der Sonne“ sind wie selbstverständlich im kollektiven Gedächtnis verankert. Doch was erzählen sie über die Ausbeutung von Millionen von Menschen? Was von den widerwärtigen Verbrechen, die deutsche Reichsbürger über Jahrzehnte in deutschen Kolonien in China, Afrika, Australien, im Pazifik begangen haben? Und was von der jahrhundertelangen kolonialen Vorgeschichte – während derer die Deutschen von Sklaverei und Handel mit den Kolonialwaren anderer Mächte profitierten? Die dunklen Flecken, die den „Platz an der Sonne“ verschatten: Davon berichtet Dietmar Piepers wichtiges Buch „Zucker, Schnaps und Nilpferdpeitsche“.

In der Hochzeit der Kolonialherrschaft des Kaiserreichs, die insgesamt von 1884 bis 1919 währte, regierten die Deutschen ein Gebiet, das fast sechsmal größer war als ihr eigenes Land. Pieper stellt die simple Frage: „Wie ist es dazu gekommen?“ Seine Antwort ist umfangreich, überaus genau recherchiert – und für die Leser manches Mal kaum zu ertragen. Denn es bedrückt ja nicht nur, dass die Deutschen einst beim Genuss von Kaffee, Zucker und Kakao verdrängten, wie die Köstlichkeiten eigentlich produziert wurden; unweigerlich reflektiert man bei der Lektüre sein eigenes Konsumverhalten – und denkt an die Menschen, Tiere, auch: die Natur, die dafür leiden müssen.

Der Hamburger Autor vollzieht detailgetreu die zeitlichen Abläufe und gesellschaftlichen Entwicklungen nach. Und belegt so seine These; die lautet, dass die Gründung deutscher Kolonien letztlich zwei hanseatische Kaufleute vorangetrieben haben. „Adolf Lüderitz aus Bremen und Adolph Woermann aus Hamburg. Sie nutzten die imperialistische Stimmung im Land, übten Druck auf die Staatsführung aus und gründeten das deutsche Kolonialreich“, schreibt Pieper. Und betont: „Ohne ihr Handeln vor Ort und ihr Drängen in Berlin wäre die Schwelle zu einer formalen Kolonialherrschaft des Kaiserreichs vermutlich niemals überschritten worden, für alles, was danach kam, hatten Lüderitz und Woermann den Weg geebnet.“

Nach der Lektüre dieses Buches wird kein Hamburg-Besuch mehr sein wie zuvor. Die Stadt verdankt ihren Reichtum der Ausbeutung anderer Länder. Die Speicherstadt, heute Unesco-Weltkulturerbe, sei letztlich, so Pieper, das wohl „größte Denkmal des Kolonialismus in Deutschland“. Mehrere hanseatische Kaufmannsfamilien stellt der Autor vor. Zeichnet nach, wie sie voller Gier und Großmannssucht ihre Ziele durchsetzten. Dabei gar vor Völkermord nicht zurückschreckten. Er berichtet, wie beim Geschacher um Land getrickst wurde. Etwa, indem man dem Nama-Capitein Joseph Fredericks ein riesiges Gebiet an der Oranjemündung bis weit ins Landesinnere für lächerliche 500 Pfund und 60 englische Gewehre abkaufte – und ihn ganz bewusst im Glauben ließ, es handele sich um englische Meilen. Von der deutschen Meile, die nahezu fünfmal so lang ist, wusste Fredericks nichts.

Auch die ambivalente Rolle Otto von Bismarck oder die vieler deutscher Museen (darunter das Fünf Kontinente in München), die, gelinde gesagt, wenig kritisch mit so manchem Raubkunst-Objekt umgehen, beschreibt Pieper umfänglich.

Das ist keine leichte Strandlektüre, manches Mal allzu detailgenau. Aber ein wichtiger Beitrag dazu, sich mit der eigenen Vergangenheit kritisch zu befassen. „Wenn wir wissen wollen, wer wir waren und sind, müssen wir Stimmen mitreden lassen, die uns bisher nicht so wichtig waren.“

Dietmar Pieper:

„Zucker, Schnaps und Nilpferdpeitsche“. Piper, München, 352 Seiten; 24 Euro.

Lesung: Dietmar Pieper stellt sein Buch am 6. November im Amerika Haus in München vor, Anmeldung unter www.amerikahaus.de.

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