Krachendes Klagelied

von Redaktion

Heute erscheint Zeruya Shalevs Debüt erstmals auf Deutsch

VON MICHAEL SCHLEICHER

Schließlich soll eine „Erinnerungszeremonie“ die Heilung bringen für die gepeinigte Seele in Zeruya Shalevs Roman. Doch bleibt es fraglich, was das Eintauchen in Vergangenes dieser Frau nützt, die hier zu einem krachenden Klagelied anhebt, dessen Wahrheitsgehalt kaum zu überprüfen ist.

„Nicht ich“ ist der Debütroman der israelischen Autorin, die 1959 in einem Kibbuz am See Genezareth geboren wurde, Bibelwissenschaften studiert hat und zunächst als Lektorin arbeitete. 1993 erschien das Buch in Shalevs Heimat – heute, mehr als 30 Jahre später, kommt erstmals eine deutsche Übersetzung heraus, die leider mitunter etwas nachlässig lektoriert wurde.

„Erst als ich ,Schicksal‘, meinen siebenten Roman, geschrieben hatte, wagte ich, mein Debüt wieder zu lesen“, erinnert sich die Schriftstellerin im Vorwort. „Endlich“ habe sie sich bereit gefühlt, den Roman als „Teil von mir anzunehmen, auch wenn er ,nicht ich‘ ist. Ich tauchte noch einmal in seine Welt ein und versuchte, auf dem Zeitstrahl zurückzukehren und der jungen Autorin, die ich damals war, die Hand zu reichen.“

Vor allem durch ihre Werke „Liebesleben“ (2007 verfilmt von Maria Schrader), „Mann und Frau“ sowie „Späte Familie“ – dieser lebenssatten Trilogie moderner Beziehungen – wurde Shalev weltweit bekannt und zur Bestsellerautorin. Nun haben wir die Gelegenheit, auf den Beginn ihrer Karriere zu schauen, beim Suchen ihres Stils, beim Finden ihrer Themen dabeizusein.

„Nicht ich“ ist ein wütender Monolog: Eine Frau, die noch nicht mal ihren Namen verrät, haut uns eine Geschichte nach der anderen um die Ohren. Lärmend. Launisch. Larmoyant. Was gesichert zu sein scheint, ist, dass sie Mann und Tochter für ihren Geliebten (der möglicherweise auch schon passé ist) verlassen hat, sich deshalb enorm quält. „Einmal am Tag sagte ich: ,mein Mann‘, einmal am Tag sagte er: ,meine Frau‘, im Chor sagten wir: ,unser Mädchen‘. Diese Erinnerung wird mir niemand nehmen, und ich besitze keine wertvollere Erinnerung als die.“

Früh im Text erzählt Shalev von einem Spielzeug, einem Kreisel, und lässt ihre Protagonistin fortan wieder und wieder um die Beziehungen ihres Lebens kreiseln. Dabei reflektiert sie ihre Rolle als Tochter, Ehefrau, Geliebte, Mutter – und versucht, in allen Zuschreibungen und Erwartungen sich selbst zu finden.

Shalev macht es ihren Leserinnen und Lesern nicht einfach, denn diese Frau, von der sie berichtet, kann ganz schön nerven durch ihre Suada der Wut und Verzweiflung. Doch zwischen dem Lauten versteckt lässt die Schriftstellerin Leises aufblitzen. Augenblicke, die von einer großen Sehnsucht nach Liebe berichten. Ein Wort, das die Erzählerin kaum auszusprechen wagt. Sie traut sich nur, es zu buchstabieren „El Ii Ee Be Ee“ – und dabei denkt sie an die „mutige Hand, die ich eines Tages mit beiden Händen festhalten würde“.

Zeruya Shalev:

„Nicht ich“. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Berlin Verlag, Berlin/München, 208 Seiten; 24 Euro.

Lesung: Zeruya Shalev stellt ihr Buch am 3. Februar, 19 Uhr, im Marstall des Bayerischen Staatsschauspiels vor; Karten unter Telefon 089/21 85 19 40.

Artikel 3 von 10