Reise mit unbekanntem Ziel

von Redaktion

Pablo Heras-Casado mit Beethoven bei den Philharmonikern

VON MARKUS THIEL

Stilistisch gesehen kennt der Mann kein Tabu. Pablo Heras-Casado dirigiert so ziemlich alles weg vom Barock bis ins 21. Jahrhundert. Das ist imponierend und auch geschickt, nutzt der Spanier doch jeweils die Erfahrungen der Ensembles, von denen er sich engagieren lässt. Vom Freiburger Barockorchester, vom Concentus Musicus Wien, vom Ensemble Intercontemporain für die Moderne und im vergangenen Sommer, bei Wagners „Parsifal“, vom Bayreuther Festspielorchester.

Insofern passt es zum Jahreswechsel ins Bild, dass Heras-Casado für Beethovens neunte Symphonie in der Isarphilharmonie am Pult der Münchner Philharmoniker steht, die den Brocken seit gefühlten Ewigkeiten stemmen. Der 46-Jährige will hörbar auf diesem Musizierschatz aufbauen. Doch wohin die Reise geht, das wird zumindest in der ersten der beiden Aufführungen nicht ganz klar.

Schnell ist Heras-Casado, Langsamfahrstellen für melostrunkene Passagen gibt es bei ihm nicht. Das Harsche, Abweisende gerade des Kopfsatzes klingt nach Dolchstoß-Dramatik – und sieht in den Dirigierbewegungen auch so aus. Heras-Casado, das ist das Problem seiner Deutung, entwickelt die Theatralität des Stücks weniger von innen heraus, sondern pumpt den 80-Minüter förmlich auf. In den besten Momenten tönt das effektvoll oder nach einer Art übersteigerter Klangrede, in anderen Passagen wird’s diffus laut. Erst recht im Finale, in dem der extrem versierte, textprägnante Philharmonische Chor vor allem in den Männerstimmen an den Rand der Überreizung getrieben wird. Heras-Casado hat das historisch Informierte im Hinterkopf. Man merkt das an seinem Bemühen um Agogik gerade in den Bläser-Verläufen. Was so weit geht, dass im Bariton-Solo des vierten Satzes die instrumentale Korrespondenz aufreizender klingt als der Gesang: Florian Boesch trumpft mächtig auf, singt seine Stellen als Egotrip – und unterscheidet sich damit deutlich von Musterstilisten wie Christina Landshamer (Sopran), Marianne Beate Kielland (Alt) und Sebastian Kohlhepp, der seine gefürchtete Tenorstelle unerschrocken und mit viel Geschmack absolviert.

Am interessantesten glückt da noch der langsame Satz. Heras-Casado lässt ihn (wie viele „moderne“ Kollegen) fast ganztaktig pulsieren. Dazu gibt es Überraschendes in den zuweilen gestoßenen Begleitfiguren – eine Entfettung des Adagios, fast eine Skelettierung. Und plötzlich hört man nicht Aufbruch, sondern eine wehmütige Reminiszenz an eine andere Beethoven-Symphonie: an die „Pastorale“.

Artikel 2 von 10