München kennt oft seine Preziosen zu wenig. Helen Brittons Schmuckkunst ist weltweit hoch anerkannt. Aber viele werden der in München arbeitenden Australierin erstmals in dem Dokumentarfilm „Hunter from elsewhere“ (Kinostart am kommenden Donnerstag, 7. März) begegnen – mit der Elena Alvarez Lutz ein so behutsames wie tiefgehendes Porträt gelungen ist.
Sie arbeiten mit unterschiedlichen Techniken und Materialien. Ist das verbindende Element, dass Sie Geschichtenerzählerin sind?
Ja, das ist mir auf jeden Fall ein wichtiger Punkt. Bei den Recherchen zu meinen verschiedenen Interessen erfahre ich die Geschichten zum Beispiel von Materialien. Und dann will ich das kommunizieren – aber nicht auf eine trockene, historische Art. Dinge berühren mich, ich will das weitergeben. Und das packe ich dann in meine Kunst.
Ihren Werken sind Herkunft und Verwurzelung wichtig – aber verbunden auch mit Distanz, Verlust.
Man könnte sagen, das spiegelt mein Leben. Denn ich lebe in einem Spalt zwischen Europa und Australien. Leider erlebe ich hier mehr oder weniger täglich, dass wir Ausländer als fremde Person behandelt werden. Beim Brotkaufen, auf dem Markt… Das hält irgendeine Form von Heimatgefühl fern. Aber das Leben, das ich führe, hat mich natürlich verändert. Ich bin auch in Newcastle nicht mehr komplett zugehörig. Es kann sein, dass das zu dieser Art von Distanz führt. Ich beobachte etwas, aber es ist nicht ganz meins. Und ich glaube, das ist manchmal sehr gut, weil ich Dinge aus einer ganz anderen Perspektive sehen kann. Zum Beispiel diese Glas-Geschichte im Thüringer Wald. Das ist für viele einheimische Personen nur Weihnachtsbaumschmuck, mit Kitsch verbunden. Aber ich sehe was anderes darin…
Wie finden Sie Ihre Themen und Materialien?
Ich bin ein sehr neugieriger Mensch, und ich untersuche viele Sachen. Ich bin zum Beispiel 2001 erstmals in den Thüringer Wald. Und habe die ersten Arbeiten dazu 2007 gemacht. Ich liebe es, Zeit zu haben. Ich brauche Zeit. Es sind nicht nur diese Produkte, die am Ende ausgestellt werden, sondern das Hingehen, das Rumreisen, das Recherchieren, mit Leuten sprechen, das Fotografieren, darüber lesen – auch das ist meine Kunst. Das ist mein Leben. Das Ganze gehört zusammen. Es ist alles Nahrung. Es fließt alles irgendwo rein. Und manchmal zündet etwas und will Kunst werden.
Was war die erste Reaktion auf Elena Alvarez Lutz’ Idee, einen Film über Sie zu machen?
Ich habe gesagt: Vergiss es! Sie hat jahrelang immer wieder davon angefangen. Und ich wollte das nicht. Ich bin eine introvertierte, private Person. Ich brauche relativ viel Zeit allein. Und um meine Kunst zu machen, brauche ich sehr viel Konzentration. Aber sie ist eine sehr charmante Person. Und hat eine Ernsthaftigkeit, eine Eigenartigkeit, die nicht unähnlich meiner Eigenartigkeit ist. Ich bin der festen Meinung, dass es ein Film mehr oder weniger über Elena ist. Und ich bin nur das Material – im besten Sinn.
Und wie fühlt sich das „Materialsein“ rückblickend an?
Es ist nicht immer einfach. Es kommt sehr nah an mich dran. Und ich fühle mich manchmal ein bisschen verletzlich. Es ist fantastisch – aber nicht ganz mein Ding. Andererseits: Die meisten Leute können nur davon träumen, dass eine begabte Filmemacherin kommt und sagt: Hey, ich folge dir, halte dich vier Jahre lang aus, und dann mache ich daraus einen tollen Film. Es ist wirklich auch ein unglaubliches Geschenk. Und für die komische, oft missverstandene Welt des „Autorenschmucks“ ist dieser tiefe Einblick schon sehr hilfreich für viele Künstler – nicht nur für mich.
Im Film sagen Sie in einem verlassenen Haus: „Es ist so würdelos, wie Dinge dort herumliegen.“ Ist Ihre Arbeit ein Versuch, Dingen ihre Würde wiederzugeben?
Ja, absolut. Das ist auf eine subtile Art und Weise auch eine politische Haltung. Ich glaube wirklich, wenn die Menschen gefühlvoller mit dem allen umgehen würden, dann wäre das für uns alle ein besserer Planet.
Das Gespräch führte Thomas Willmann.