Humor ist ihre Waffe

von Redaktion

Maryam Keshavarz über ihren Film „The Persian Version“, den Iran und die Kraft des Lachens

Das hat außer ihr noch niemand geschafft: Beim Sundance Film Festival, dem bedeutendsten Indie-Filmfest der Welt, hat die Drehbuchautorin und Regisseurin Maryam Keshavarz zwei Mal den begehrten Publikumspreis gewonnen – für ihr Kinodebüt „Sharayet“ und für ihren neuen Film „The Persian Version“, der im vergangenen Juni das Münchner Filmfest eröffnete und morgen bundesweit in die Kinos kommt. In dieser quirligen Kulturclash-Komödie verarbeitet die 1975 in New York als Tochter iranischer Immigranten geborene Filmemacherin, die schon während ihres Regiestudiums für ihren Kurzfilm „Der Tag, an dem ich starb“ bei der Berlinale ausgezeichnet worden war, ihre eigene Familiengeschichte: Im Mittelpunkt steht eine rebellische bisexuelle Cineastin, die zwischen zwei Kulturen aufwächst, sich überall als Außenseiterin fühlt und ständig im Clinch mit ihrer strengen, traditionsbewussten Mutter liegt – bis die beiden Sturköpfe langsam lernen, einander zu verstehen.

In „The Persian Version“ enthüllen Sie skandalöse Familiengeheimnisse. Was hat Ihre Mutter dazu gesagt?

Ich hätte es nie gewagt, unsere Geschichte zu erzählen, wenn sie mir nicht zuvor ihren Segen gegeben hätte. Aber ich habe ihr nie mein Drehbuch gezeigt. Deshalb war ich bei der Weltpremiere in Sundance hypernervös, weil ich Schiss vor ihrer Reaktion hatte. Nach der Filmvorführung verschwand sie spurlos – ich war mit meinen Nerven schon völlig am Ende. Bei der Premierenfeier kam sie plötzlich mitten durch den Raum auf mich zu. Ich erschrak und dachte, sie würde mir gleich vor 200 Leuten eine scheuern. Stattdessen umarmte sie mich und sagte: „Du hast uns endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen!“

Zu Beginn des Films ist die Mutter extrem schroff gegenüber ihrer Tochter.

Ja, der Film ist quasi ein Empathie-Experiment: Anfangs wirkt die Mutter sehr unsympathisch und intolerant; nach und nach erfährt man mehr über sie, und am Ende versteht man sie nicht nur, sondern liebt sie sogar. Unsere Familie steht dabei sinnbildlich für das, was überall passiert: Viel zu schnell verurteilen wir Menschen, die anders sind als wir. Statt die Spaltung unserer Gesellschaft zuzulassen, sollten wir genauer hinsehen und einander zuhören.

Glauben Sie, dass Ihr Film zum besseren Verständnis für muslimische Migranten beitragen kann?

Hoffentlich! Man muss sich erst einmal klarmachen, wie viel Risikobereitschaft und Durchhaltevermögen nötig ist, um in ein völlig fremdes Land zu ziehen und sein ganzes bisheriges Leben aufzugeben: die Freunde, die Sprache, die Kultur… Als meine Eltern 1967 aus einem kleinen iranischen Dorf nach Amerika aufgebrochen sind, hatten sie beispielsweise noch nie einen Aufzug, eine Rolltreppe oder ein Flugzeug gesehen. Als naives Mädchen waren mir solche Dinge nicht bewusst; heute habe ich großen Respekt vor dem Mut meiner Eltern.

Haben Sie selbst als US-Bürgerin Anfeindungen zu spüren bekommen?

Oh ja, heftige sogar. Es begann 1980, während des monatelangen Geiseldramas in der US-Botschaft von Teheran: Plötzlich wurde unsere Familie in Brooklyn als Terroristen diffamiert; Nachbarskinder, die jahrelang mit meinen Brüdern und mir gespielt hatten, fingen an, uns zu verprügeln und unsere Fensterscheiben einzuwerfen. Lange Zeit habe ich in der Öffentlichkeit meine iranischen Wurzeln verleugnet und behauptet, ich hätte türkische Eltern – dabei wusste ich nicht einmal, wo die Türkei liegt. Besonders schlimm war die Dämonisierung muslimischer Einwanderer aus Nahost unter der Präsidentschaft von Donald Trump.

Hinreißender Humor prägt Ihren Film – ist das eine Art trojanisches Pferd, um dem Publikum ernste Themen unterzujubeln?

Absolut. Der Humor verbindet uns alle. Wenn Iraner auf der Leinwand auftauchen, geht es meistens um Krieg oder Terrorismus. Ich wollte dagegen zeigen, dass es cool sein und großen Spaß machen kann, mit muslimischen Persern abzuhängen. Und Zoff mit den Eltern ist ein universelles Thema. Das spüre ich auch jetzt wieder als Mutter: Mit dem Nahostkonflikt oder patriarchalischen Machtstrukturen werde ich fertig, nicht jedoch mit meiner zwölfjährigen Tochter. „The Persian Version“ erzählt zwar meine ganz persönliche Geschichte, scheint aber Menschen auf der ganzen Welt zu berühren. Beim Münchner Filmfest haben sich nicht nur viele Leute mit Migrationshintergrund bei mir bedankt, sondern auch solche, die meinten: „Ich habe sofort nach der Premiere meine Mutter angerufen!“

Wie kamen Sie auf den deutschen Kameramann André Jäger?

Er hatte die Kamera bei „Afloat“ geführt, einem wunderschönen Film meiner Studienkollegin Aslihan Unaldi, und ich fand seine Arbeit so toll, dass ich ihn gefragt habe, ob er nicht Lust auf mein Projekt hätte. Er liebte mein Drehbuch, wir waren sofort auf einer Wellenlänge, und er kannte sich sogar gut in der Türkei aus – ein Glücksfall, weil wir teilweise dort gedreht haben. Er ist auch Kameramann bei meinem nächsten Film, einer dreiteiligen Liebesgeschichte, die wir im Spätsommer drehen, und zwar – Tusch! – in Deutschland. Sie sehen: Ich komme von diesem Land nicht los – seit den traumhaften Tagen letztes Jahr in München liebe ich Ihre Heimat! (Lacht.)

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

Artikel 1 von 11