Dieses Werk dürfte es eigentlich gar nicht geben. Gabriel García Márquez hatte das so vor vielen Jahren so verfügt. Bereits schwer unter Altersdemenz leidend, gab der kolumbianische Schriftsteller „Wir sehen uns im August“ irgendwann auf – und teilte knapp mit: „Dieses Buch taugt leider nichts. Es muss daher vernichtet werden.“ Seine Söhne Rodrigo und Gonzalo hielten sich nach dem Tod des Vaters zunächst brav an die Anweisung, in Teilen zumindest. Sie zerstörten die diversen Fassungen des Textes zwar nicht, die der Literaturnobelpreisträger aus dem Jahr 1982 wie alle Manuskripte in einer Mappe des deutschen Herstellers „Leuchtturm“ aufbewahrte. Sie legten sie lediglich beiseite.
Am 17. April jährt sich nun zum zehnten Mal der Todestag des berühmten kolumbianischen Autors. Freilich ist es kein Zufall, dass sich seine Erben gerade jetzt entschieden haben, den Wunsch von Gabo (wie viele Menschen ihn nach wie vor liebevoll nennen) zu missachten: Gerade ist „Wir sehen uns im August“ erschienen. Ein „Akt des Verrats“ sei dies, geben die Söhne schuldbewusst zu und hoffen auf die Milde des Vaters, wie sie im Vorwort schreiben. Parallel zu dieser Erzählung hat Rodrigo García, der in den USA als Regisseur und Kameramann arbeitet, sein Erinnerungsbuch an das Sterben des Autors herausgebracht – es ist in erster Linie für Gabo-Fans interessant (siehe Kasten).
„Wir sehen uns im August“ werden dagegen auch Menschen mit Gewinn lesen, die (bislang) kein Werk des Kolumbianers kennen, der den Magischen Realismus prägte und mit „Hundert Jahre Einsamkeit“ (1967) sowie „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ (1985) zwei der wichtigsten Romane der lateinamerikanischen Literatur im 20. Jahrhundert geschrieben hat. Im Zentrum der Geschichte steht Ana Magdalena Bach, eine glücklich verheiratete Frau in den besten Jahren, die ein besonderes Ritual pflegt: Jährlich am 16. August setzt sie mit der Fähre auf eine Insel in der Karibik über, um einen Strauß Gladiolen auf dem Grab der Mutter niederzulegen. Diese Nachmittage folgen stets demselben Drehbuch: Nach dem Friedhof geht es ins Hotel und zum Abendessen an die Bar. Das Ganze ist nun derart erwartbar, dass die Uhr danach gestellt werden kann. Bis Ana Magdalena aus einer Laune heraus den Ausbruch wagt – und sich einen Mann für die Nacht sucht, bevor sie zurück zur Familie fährt. Die Typen wechseln fortan Jahr für Jahr – und die Vorfreude auf diesen amourösen 16. August steigt erwartungsgemäß.
Gekonnt und mit wenigen Strichen skizziert García Márquez Figuren und Schauplätze. Seine Protagonistin, verrät er an einer Stelle des Buchs, liest gerne „Liebesromane bekannter Autoren“. Einen solchen legt er hier vor. Gewiss, die Fabulierlust seiner großen Werke ist in dieser Erzählung merklich gedimmt: Sprachlich und stilistisch kommt der Kolumbianer ebenso rasch zur Sache wie Ana Magdalena Bach. Man kann darin „das Ergebnis einer letzten Anstrengung“ erkennen, wie seine Söhne das tun: „Der Schreibprozess war ein Wettlauf zwischen dem Perfektionismus des Sprachkünstlers und seinen schwindenden geistigen Kräften.“ Man muss jedoch auch festhalten, dass Stil und Tonfall ganz wunderbar zum Sujet passen. Als sich etwa bei einem Inselbesuch nicht unbedingt das erotische Prickeln einstellt, schreibt García Márquez über seine Heldin: „Sie fühlte sich wohl und gut behandelt, aber es war ein Abend ohne Perspektive.“ Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen – allerdings hält der Schriftsteller selbst in diesem Moment noch eine Überraschung bereit. Für Ana Magdalena und seine Leser.
Nein, dieses Buch dürfte es eigentlich nicht geben. Und doch ist es ein riesiges Glück, dass sich die Söhne der Anweisung des Vaters widersetzt haben.
Gabriel García Márquez:
„Wir sehen uns im August“. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 144 Seiten; 23 Euro.
García Márquez erhielt 1982 den Literaturnobelpreis
Die Söhne haben den Willen des Vaters ignoriert