Aus der Krachmacherstraße

von Redaktion

Virtuosität wird überschätzt: Nickelback rocken in München

Er feierte eine „heftige und laute Party“ mit den Fans in der ausverkauften Olympiahalle: Nickelback-Frontmann Chad Kroeger, dem das Image als Rumpel-Rocker herzlich wurscht ist. © Martin Hangen

Sie haben nicht die höchste Spielkultur, sind nicht gerade filigran. Mit ihrem Ruf als Rumpel-Rocker müssen Nickelback seit bald 30 Jahren leben. Aber ganz ehrlich: Die euphorischen Fans beim ausverkauften Konzert am Samstag in der Münchner Olympiahalle konnten auf virtuose Einlagen gut verzichten. Sie feierten die „heftige und laute Party“, die Sänger Chad Kroeger und seine Kumpanen versprochen hatten. Noch einmal „Far away“, „Rockstar“ und „Photograph“ vom PrachtAlbum „All the right Reasons“, noch einmal 2005. So einfach und so schön kann das Hardrock-Glück sein.

Zum Start mussten Nickelback allerdings aufpassen, dass ihnen nicht die Vorband die Show stiehlt. Denn The Lottery Winners aus Manchester, die mit einer Shanty-Version von „Rockstar“ auf TikTok Millionen Klicks sammelten, lieferten eine brillante Vorstellung. Ihr Powersound zwischen Pop und Rock mit Mitsing-Refrains („Burning House“) hat das jüngste Album „Anxiety Replacement Therapy“ auf Platz 1 in England befördert. In der Olympiahalle wurden sie gefeiert wie selten zuvor ein Support Act. Zur Belohnung durften sie gemeinsam mit Nickelback „Don’t look back in Anger“ einer gewissen anderen Kapelle aus Manchester spielen, ein Riesenspaß war das.

Für den sorgten weiß Gott auch Nickelback. Passend zum Auftaktsong „San Quentin“ aus dem 2022er-Album „Get Rollin’“ türmten die Kanadier in den Videos, die den roten Faden der Show bildeten, aus dem Knast. Auf der Verfolgungsjagd entwischten sie den Cops immer wieder. Nickelback sind eben clever, auch musikalisch. Das Erfolgsrezept zwischen Hardrock, Grunge und Metal funktioniert vor allem live nach wie vor prächtig.

Chad Kroeger, der heuer unglaubliche 50 wird, bleibt als wasserstoffblondes David-Beckham-Double der perfekte Frontmann für die brachial-breitbeinige Mucke. Die lädt mal zum gepflegten Mitsingen ein („When we stand together“) oder wildert in Metal-Gefilden („Animals“). Und er kann über sich selbst lachen. Als Gitarrist Ryan Peake verrät, dass er schon 24 Jahre mit seiner Treana verheiratet ist, grinst Kumpel Chad in Anspielung auf seine turbulente Kurzzeit-Ehe mit Skater Girl Avril Lavigne: „Ich war auch mal verheiratet, aber es hat keine 24 Jahre gehalten.“

Am Ende setzt Bruder und Bassist Mike Kroeger einen Trachtenhut auf, Chad bedankt sich beim letzten Konzert der Tour enthusiastisch bei den Menschen aus „Munschen“. Und beim Klassiker „How you remind me“ erinnern sich alle glückselig, wie das Ding 2001 im Radio rauf und runter gelaufen ist. Virtuosität wird eindeutig überschätzt. JÖRG HEINRICH

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