URAUFFÜHRUNG

Intergalaktischer Irrsinn

von Redaktion

„Very rich Angels“ von und mit Madame Nielsen an den Kammerspielen

Die drei Großkopferten rocken die Welt: Elon Musk (Annette Paulmann, 2. v. li.), Mark Zuckerberg (Elias Krischke) am Schlagwerk und Bill Gates (Christian Löber) werden begleitet von Madame Nielsen am Klavier und Jacob Suske (li.). © JULIAN BAUMANN

Zwei von ihnen fühlen sich heute tatsächlich ein bisschen wie einst Goethes Zauberlehrling: Die Geister, die sie riefen, haben längst ein Eigenleben – und wollen einfach nicht mehr verschwinden. Microsoft-Gründer Bill Gates und Facebook-Nerd Mark Zuckerberg haben sich zuletzt immer wieder öffentlich von ihren Erfindungen distanziert – und die Entwicklung, die diese genommen haben, wortreich bedauert. Kein Wunder also, dass sie in der „Confessional Bar“ aufschlagen, die Madame Nielsen nun in den Münchner Kammerspielen eröffnet hat – und die sie, gewandet in eleganter Kellner-Livree, mit schönstem Tom-Waits-Knurren zu Beginn dieser Uraufführung besingt.

„Very rich Angels“ hat die dänische Künstlerin und Grenzgängerin ihr Musical genannt, das sie gemeinsam mit dem dänischen Autor und Regisseur Christian Lollike für das Theater geschrieben und komponiert hat. Am Freitag hatte der eineinhalbstündige Abend im Schauspielhaus Premiere. Ein intergalaktischer Irrsinn. Denn Gates und Zuckerberg hadern derart mit ihrer Vergangenheit, dass der dritte Superreiche – Elon „Ich bin zu geil für diese Welt“ Musk – leichtes Spiel hat, um die beiden zu überzeugen, mit ihm auf dem Mars eine neue, bessere Welt aufzubauen. Frei nach dem Motto: War was?

Die Produktion, die Lollike auch inszeniert hat, startet indes sehr „down to Earth“: Die besseren Tage jenes Diners, den Katrin Bombe auf die Bühne der Kammerspiele bauen ließ, liegen bereits länger zurück; hier hängen nicht nur die Jalousien scheps. Auf den Kunstlederbänken lümmelt eine Band, die deutlich frischer klingt, als sie aussieht. Nun treten die drei im Wortsinne Großkopferten auf: Gates, Musk und Zuckerberg ordern ihr Essen; bei jedem insistiert der Kellner („Sie haben noch einen Wunsch. Einen tiefen, sehr tiefen Wunsch“) und öffnet somit die Schleusen des Erzählflusses. Fortan wird also berichtet, gestritten, gehadert und gesungen.

Die Typen, freilich besoffen von der eigenen Bedeutung, schaukeln sich in ihren Frustszenarien und Weltrettungsfantasien gegenseitig hoch. Es ist ein großer Spaß zu sehen, wie Christian Löber (Bill Gates), Elias Krischke (Mark Zuckerberg) und Annette Paulmann die körpersprachlichen Macken der Charaktere übernommen und ausgearbeitet haben. Ein Slapstick-Fest, bei dem es vor allem Musk eigentlich gar nicht verdient hat, von der wunderbaren Paulmann gespielt zu werden.

Das Trio überzeugt nicht zuletzt musikalisch und wird dabei von Jelena Kuljic (die eh ausgebildete Jazz-Sängerin ist), von Jacob Suske (der die Lieder des Abends sehr geschickt und mitreißend arrangiert hat) und – natürlich – von Madame Nielsen unterstützt, bei der letztlich alle Fäden zusammenlaufen. Madame gestattet sogar Putin einen Auftritt in ihrem Stück, er will mit zum Mars: „Ich bin auch superreich!“ – und an allem anderen sei der Westen schuld. Doch als der Diktator auf die Farben des Regenbogens schwören soll, unter dem das Trio das Leben auf dem roten Planeten aufbauen will, war’s das mit der Idee, den Kriegstreiber ins Asyl im All zu schicken.

Es ist nicht die einzige Begegnung der dritten Art an diesem Abend – und nicht die einzige Utopie, die verglüht. Denn am Bestimmungsort angekommen, müssen die Herrschaften feststellen, dass man zwar die Erde hinter sich lassen kann. Aber nicht die menschliche Natur – im Guten, aber auch im Schlechten. Das freilich wusste bereits der alte Goethe. „Very rich Angels“ mag mitunter inhaltlich dünn sein wie die Atmosphäre auf dem Mars – gespielt und gesungen wird in dieser Inszenierung aber so fein wie Sternenstaub. Heftiger Applaus. MICHAEL SCHLEICHER

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