Es verbindet Rachmaninows „Symphonische Tänze“ und „Die Glocken“ eine tiefe Verwandtschaft. Nicht allein in Motivik und Zitaten. Beides sind Quasi-Symphonien, die das Beethoven’sche Erbe umschiffen, um eigene Wege zu gehen. Beide führen von Helle und Jugend ins Dunkel, zu Tod und fragiler religiöser Verklärung. All das war wunderbar zu begreifen beim Konzert der Münchner Philharmoniker unter Lorenzo Viotti. Am berückendsten aber vergegenwärtigte er: Es ist beides Musik, die im Ausspinnen der Melodien immer wieder gleichsam auf Treibsand gerät und in tiefe, zeitvergessene Momente des Erinnerns verfällt. Ein Proust’sches Aufsteigen der verlorenen Jugend, russischen Heimat.
Man kann die „Tänze“ klanglich ausbalancierter angehen als im streicherdominierten Losgaloppieren hier – aber schwerlich lebendiger aufgewühlt. Während die Schlittenfahrt der „Glocken“ hollywoodreif farbenprächtig startete: Tenor Andrew Staples war hier schön geschmeidig statt durchsetzungsbeharrend.
So begann besagte Reise zur Erinnerung. Intrikat, intim der Bläserchorgesang im Kopfsatz von op. 45. Der Walzer ein Spuk, bei dem Dufthauch sich zu tanzenden Körpern zu verdichten schien, nur um sich in Gespensterschwaden aufzulösen.
Die „Hochzeitsglocken“ mit Sopran Marina Rebeka dafür eher eine Vorschau auf die Hochzeitsnacht, sinnlich betörend. Die Alarmglocken des 3. Satzes blieben äußerliche Aufregung – auch weil der Philharmonische Chor, unbenommen klangschön und strahlkräftig, hier die Artikulation deutsch überdeutlich vor die fließende Musikalität des Russischen stellte. Dafür war der Totenglocken-Satz noch stärker als der Finalkampf von Gebet und „Dies irae“ in den „Tänzen“ – eine bewegend innige Vorahnung des Todes (und, womöglich, des ewigen Lebens). Dies nicht zuletzt dank des wahrhaft profunden Baritons Albert Dohmen: Als wäre auch das schon eine Erinnerung. Die Isarphilharmonie war da längst entrückt. Aber was immer bei Nikolay Kedrovs „Vater unser“Vertonung als Chor-Zugabe geschah: Es war – schlicht, wahr, tief den Blick ins Ewige – reine Zauberei. THOMAS WILLMANN