Wo ist der beste Platz, um den Weltuntergang zu beobachten? Einige Freunde (hier Nina Noé Stehlin und Lorenz Hochhuth) entscheiden sich für die Tiroler Berge. © Gabriela Neeb/Volkstheater
Und schon wieder eine Apokalypse, denn darunter machen sie’s derzeit nicht: Jetzt ist auch das Münchner Volkstheater auf den Weltuntergangs-Zug aufgesprungen, der gerade durch die Kulturwelt braust, und adaptierte den Roman „Prana Extrem“ von Joshua Groß sehr frei für die Bühne – die Geschichte einer Gruppe von Freunden, die gleichsam am Vorabend des angeblich drohenden Weltendes einen idyllisch-surrealen Sommer in den Tiroler Bergen verbringt. Nicht ganz zufällig in der Nähe der Innsbrucker Skisprungschanze, denn abheben, schweben, „entkommen“ in eine irgendwie geistige, feinstoffliche Sphäre scheint den Figuren hier die einzig verbleibende Möglichkeit.
Musikalisch dominieren Sphärenklänge
Die Diagnose lautet nämlich, dass unser Planet krepiert, nicht nur wegen des Klimawandels, auch wegen der ganzen „Gifte“ allüberall. „In der Insektenwelt sind die Strukturen schon komplett weggebrochen“, wissen die jugendlichen Helden, weshalb ihr Lösungsansatz lautet: „Endlich Telepathie lernen“ – und „verschmelzen“ ist demgemäß auch ihr Ziel, frei nach dem Motto, nicht Tanz, sondern Tantra auf dem Vulkan. Dass das alles auf einer schiefen Ebene in Baby- oder Barbie-Rosa stattfindet, muss da fast als ironischer Kommentar zu diesem esoterisch vernebelten Eskapismus gedeutet werden. Und Ausstatterin Veronika Müller-Hauszer hat die drei Akteure auch folgerichtig in bequeme weiße Yogaklamotten gesteckt, denn „Prana“ meint im Hinduismus und im Yoga offenbar so etwas wie die fließende Energie des All-Lebens, weshalb der Abend natürlich musikalisch von meditativen Sphärenklängen durchströmt wird.
Was auf die fast schon satirische, jedenfalls gewollt oder ungewollt komische Einleitung folgt, ist dann eigentlich ein ziemlicher Schmarrn, der nicht mal als höherer Blödsinn durchgeht: Da sieht der eine ein Ufo über sich schweben und möchte gern hochgebeamt werden, eine andere träumt von Siegen als Skispringerin, alle bewundern eine Riesenlibelle („sie schillert herzergreifend“), und dann werden auch noch zwei Zuschauer zu Interviews auf die Bühne gebeten, aber was sie antworten sollen, kriegen sie über Kopfhörer eingeflüstert. Ein hübsches Bild für die grundsätzliche Fremdbestimmtheit unserer Kommunikation.
Und doch gelingt es Silas Breiding, Lorenz Hochhuth und Nina Noé Stehlin auf anrührende und zugleich komische Weise, in all den Albernheiten einen solchen kindlichen Ernst durchflackern zu lassen, dass man dem Charme dieses Sandkastenspiels zwischen PsychoGruppe, Science-Fiction und Zen nur schwer widerstehen kann – auch wenn die Naivität dieses betont formlos fließenden Abends von Regisseur Philipp Arnold natürlich listig inszeniert ist. Am Schluss spielen alle zusammen mit kleinen Dinosaurierfiguren aus Plastik, und ein Dauerlutscher, der von oben „einschlägt“ symbolisiert den Kometen, der vermutlich einst das Aussterben der Saurier verursachte. Peng! Licht aus. Ende.
Unterhaltsame Langweile? Gibt es!
Auf jeden Fall verlässt man das Theater mit der neuen Erfahrung, dass es so etwas wie unterhaltsame Langeweile gibt. Wahrscheinlich muss man das Stück aber einfach auch als Ausdruck der Orientierungslosigkeit nicht nur einer jungen Generation, sondern der westlichen Gesellschaft insgesamt verstehen. Einer Gesellschaft, die so infantilisiert auf „Weltuntergangs“-Holzwegen herumtappt, dass sie sich gleichzeitig willenlos und wie nebenbei „kriegstüchtig“ machen lässt, ohne zu merken, dass genau dadurch jene Apokalypse droht, deren schemenhafte Ahnung derzeit allgegenwärtig ist.
Langer, begeisterter Beifall. ALEXANDER ALTMANN
Nächste Vorstellungen
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