Star wider Willen: Françoise Hardy (1944-2024). © Dugit/dpa
Die Königin der Coolness im Jahr 1965 in New York: Zunächst verfiel Frankreich dem Charme von Françoise Hardy, dann verliebte sich auch der Rest der Welt in die Ikone des französischen Pop. © AFP
„Comment te dire adieu“, wie kann ich Dir Lebewohl sagen? Mit diesem sensationell eingängigen Chanson, mit dieser Charme-Explosion von nicht einmal zweieinhalb Minuten, hatte Françoise Hardy 1968 einen ihrer größten Hits. Damals war sie der Inbegriff des französischen Pop, die Ikone der „Yé-Ye“-Bewegung – ein Begriff, den sie selbst erfunden hatte, um das aufmüpfige „Yeah Yeah“ der Beatles über den Ärmelkanal nach Frankreich zu bringen. Nun musste – oder besser gesagt: durfte – Françoise Hardy nach langer Krankheit tatsächlich Adieu sagen. Sie ist im Alter von 80 Jahren in ihrer Heimatstadt Paris gestorben.
Françoise Hardy war Musikerin, Schauspielerin, Schriftstellerin, Astrologie-Expertin. Und vor allem war sie die „Queen of Cool“. Groß, schön, klug, oft mit Jeans, Lederjacke und dem seitlichen Pony, den Taylor Swift ihr heute nachmacht: So sind damals erst die Franzosen der Hardy verfallen – und später die halbe Welt. „Sie ist die Essenz des französischen Stils“, schwärmte BalenciagaDesigner Nicolas Ghesquière von ihr, für den sie modelte – ebenso wie für Yves Saint Laurent und Paco Rabanne.
Doch Mademoiselle Hardy war ein Star wider Willen. Mit dem Promi-Dasein und all den Elogen konnte sie wenig anfangen. „Ich habe das alles überhaupt nicht genossen, das Drumherum“, blickte sie 2011 zurück. „Was ich getan habe, war Arbeit, lästige Pflicht. Deshalb klingt das Wort ‚Ikone‘ für mich so, als würde man über jemand anderen sprechen, der ich nicht bin.“
Schüchtern und scheu – das öffentliche Image der Chansonnière entsprach tatsächlich ihrem Wesen. Warum sie so schwer Vertrauen fassen konnte und nach 1968 wegen chronischem Lampenfieber sogar ihre Bühnenkarriere beendete, führte sie auf die turbulenten Umstände ihrer Geburt und auf ihre nicht einfachen Anfänge als uneheliches Kind zurück. Als das Mädchen 1944 in Paris zur Welt kam, explodierten bei einem deutschen Luftangriff die Fenster des Krankenhauses: „Ich glaube, damals haben meine tiefsitzenden Ängste begonnen.“
Doch an ihre Chansons, an die glaubte sie. 1962 feierte sie mit der selbst geschriebenen Einsamkeits-Ballade „Tous les garçons et les filles“ ihren Durchbruch. Auch davon gab es wie damals üblich eine deutsche Version: „Peter und Lou, die so alt sind wie ich, gehen träumend verliebt durch die Nacht.“ Viele weitere Hits folgten, auf Französisch („L’amitié“) und auch auf Deutsch („Frag’ den Abendwind“). Die Sprache des Nachbarlandes war ihr nicht fremd als ehemalige Germanistikstudentin.
Als Schauspielerin war Françoise Hardy unter anderem in Roger Vadims „Château en Suède“ und in John Frankenheimers „Grand Prix“ zu sehen. Ab Anfang der Achtzigerjahre zog sie sich nach und nach zurück und heiratete ihren Chanson-Kollegen Jacques Dutronc (großer Hit: „Il est cinq heures, Paris s’éveille“). In Frankreich blieb sie aber stets präsent, als Buchautorin und Musikerin, zuletzt 2018 mit ihrem Abschiedsalbum „Personne d’autre“ („Niemand anderes“).
2004 wurde bei ihr erstmals Krebs diagnostiziert. Ihre letzten Jahre waren von vielen gesundheitlichen Rückschlägen überschattet. Sie wolle „bald und schnell gehen, ohne zu große Prüfungen“, erhoffte sie sich vor einiger Zeit (wir berichteten). Ende 2023 setzte sie sich bei Staatspräsident Emmanuel Macron für ein Gesetz ein, das die Tötung auf Verlangen erlaubt. Mit den Worten „Maman ist gegangen“ gab Thomas Dutronc, Sänger und einziges Kind von Françoise Hardy, nun auf Instagram den Tod seiner Mutter bekannt. JÖRG HEINRICH