Verspielt und gegen den Strich sind die Werke der Künstler-Gruppe SPUR. © Greil/Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Selbst kreativ werden kann man an dieser Malstation in Saal 21 der Sechsfach-Ausstellung „Walk the Line“, die in der Pinakothek der Moderne zu erleben ist. © Elisabeth Greil/Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Und wenn man mal wieder schwer im Zweifel ist, wie Kunst irgendetwas verändern soll in dieser hammerharten Welt, besucht man die Pinakothek der Moderne. Und für einen Moment ist alles gut. „Walk the Line“ lautet der Titel von gleich sechs Ausstellungen, die heute Abend in sechs Sälen der Sammlung Moderne Kunst eröffnen. Und auf unterschiedliche Weise künstlerische Wege in die Abstraktion aufzeigen. Klingt theoretisch – ist: ein anregendes Fest für die Augen, das Hirn, das Herz. Oder wo auch immer im Körper der Ort ist, wo die Hoffnung liegt. Denn diese Sechsfach-Schau macht hoffnungslos hoffnungsvoll.
Es beginnt mit einem Blick zurück. Der Zweite Weltkrieg ist vorüber, das Land liegt in Schutt und Asche. Da kommt die Gruppe SPUR daher. „Die Welt kann nur durch uns enttrümmert werden“, proklamiert die Münchner Truppe um Künstler wie Lothar Fischer, Helmut Sturm und HP Zimmer im Jahr 1958. Ihre Botschaft: Es reicht nicht, den Schutt der Ruinen wegzuräumen. Die Trümmer im Herzen müssen beseitigt werden. Und wenn das schon nicht geht, dann müssen sie doch wenigstens geordnet, gesehen, gemeinsam angefasst werden. Als Gemeinschaft.
Die Welt mit Kinderaugen sehen
Der Weg dorthin führt für die SPUR-Künstlerinnen und -Künstler über das Spielerische. Im ersten Saal feiern die Kuratorin Verena Hein und Selima Niggl von der Stiftung van de Loo den großen Münchner Galeristen Otto van de Loo, der sich massiv für die SPUR-Mitglieder und den Dänen Asger Jorn einsetzte. Die Schrecken des Krieges erscheinen uns in deren Werken wie Figuren aus Kinderträumen. Da ziehen Clowns ihre Fratzen, da springen Tiere, da tanzen Gnome. Mit einer Farbigkeit, mit einem Witz, mit einem Mut zu völlig unakademischen Formen, dass es uns das Hingucken leicht macht. Dass wir uns trauen hinzuschauen. Die Gruppe SPUR ließ sich inspirieren von der Kunst von Kindern oder psychisch Kranken. Von jenen also, denen die Vernunftbegabung oft überheblich abgesprochen wird. Aber vielleicht half und hilft auch heute Vernunft nix mehr. Vielleicht sollten wir wieder mehr aufs Gefühl setzen. „Die Intelligenz der Füße“ hat es Alexander Kluge mal genannt – diesen Moment, wenn die Beine des Soldaten schwer werden, die Haut Blasen schlägt, er deshalb nicht mehr kämpfen kann.
Genauso ist auch diese Ausstellung eine Einladung dazu, seine Fantasie schweifen zu lassen, mal wieder zu spüren, wie reich man ist – an Vorstellungsvermögen. In der Mitte des Saals hat Hein ein Atelier einrichten lassen. Rund 100 Kinder des Kinderforums van de Loo durften sich hier kreativ austoben. 1970 wurde diese Initiative gegründet, die mehr ist als eine Malschule. Van de Loo dachte sie sich als Lebensraum, als Ort, den Kinder über alle Schulübergänge, Lebensumstände hinweg besuchen können. Eine Konstante auf dem holprigen Weg ins Erwachsensein. Auch die Besucher dürfen zum Pinsel greifen. Und die Welt Strich für Strich enttrümmern.
Im besten Sinne aufgewühlt wandelt man weiter in Saal 22 und zu den Arbeiten der Gruppe ZEN 49, die heuer ihr 75. Jubiläum feiert. Rupprecht Geiger, Fritz Winter, Brigitte Matschinsky-Denninghoff – die Philosophie des ZEN-Buddhismus in Kunst gegossen, von der man am liebsten immer umgeben wäre. Einatmen, ausatmen, das Glück der Freiheit spüren. Und sich bewusst werden, wie fragil es ist.
Denn die Wunden des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte wirken noch immer nach. Die Angst, dass sie aufgerissen werden, wächst. In Saal 23 klaffen sie blutrot in den Werken japanischer Künstlerinnen und Künstler aus der Sammlung Goetz. Mit Gutai entwickelte sich am Ende des Zweiten Weltkriegs in Japan eine der innovativsten Künstlergruppen des 20. Jahrhunderts. Aus Naturmaterialien wie Moos und Flechten schufen sie sinnliche Bilder, die unmittelbar ins Herz treffen. Chiyu Uernaes „Untitled“ (1959) etwa scheint den Schmerz von Hiroshima und Nagasaki auf Leinwand zu bannen.
Auch in Saal 24 spürt man die diesem Raum den Titel gebende „Unruhe“. Werke des deutsch-französischen Malers Hans Hartung treffen auf jene der deutschen Künstlerin Maria Vmier. Ihre wirbelnden Malereien auf seine spannungsgeladenen Linienarbeiten. Es ist eine Unruhe, die guttut, die anregt, die aufweckt.
Den Abschluss schließlich macht die Fotografie. Ehe uns in Saal 26 die Zeitgenossen verabschieden, wartet Kuratorin Simone Förster in Zusammenarbeit mit Christiane Stahl von der Alfred Ehrhardt Stiftung Berlin in Saal 25 mit einem weiteren Höhepunkt auf. Als der Künstler Alfred Ehrhardt (1901-1984) zur Zeit des Nationalsozialismus aus dem Lehrdienst an der Hamburger Landeskunstschule entlassen wird und ihm das freie Malen unmöglich ist, greift er zur Kamera. Und sucht, was im Genre Fotografie nicht leicht zu finden ist: das Abstrakte. Wie gelingt die Abstraktion in einem Medium, das doch immer in der Realität verhaftet ist, auf Abbildern der Wirklichkeit beruht? Und da sind wir einmal mehr bei der Frage, die sich durch die gesamte, sehenswerte Sechsfach-Schau zieht: Was ist diese Wirklichkeit? Indem Ehrhardt außergewöhnliche Bildausschnitte wählt, mit Oberflächen, Strukturen, Schatten spielt, wirft er uns auf unsere eigene Wahrnehmung zurück. Was sehe ich? Wie blicke ich auf die Welt? Und was passiert, wenn ich die Perspektive wechsle?
Auch Kristallen wandte sich der Cuxhavener Künstler zu. Lässt sie in prächtigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen leuchten. Ein poetischer Verweis auf die Energie, die jedem Wesen, jedem Objekt innewohnt. Als Naturphilosoph mit der Kamera wird Ehrhardt gern bezeichnet. Er erinnert uns an das Leuchten in der Welt. Es ist da, zwischen all den Trümmern, dem Leid, der Ausweglosigkeit. Was Kunst kann? Uns daran erinnern. Hoffnungslos hoffnungsvoll. KATJA KRAFT