„Filmreif“ lautet das Motto, das die Jazzkonzerte im Night Club des Bayerischen Hofs im Juni verklammert. In diesem Pro-gramm ist das Ralph Alessi Quartet gewissermaßen stargespicktes Arthouse-Kino. Der 61-jährige Trompeter Alessi ist seit Jahrzehnten ob seiner technischen Brillanz und stilistischen Flexibilität ein gefragter Sideman, tritt aber immer wieder auch mit bemerkenswerten Werken unter eigener Regie hervor. Für sein neues Quartett hat er in seiner langjährigen Wahlheimat New York drei ähnlich profilierte Charakterdarsteller gecastet: David Virel-les (Piano), John Hébert (Bass) und Nasheet Waits (Schlag-zeug).
Für diese Besetzung hat Alessi wendungsreiche Plots geschrieben, sprich: Kompositionen, die sich spannungs- und meist auch temporeich in alle möglichen Richtungen entwickeln können. Angetrieben von dem versierten Polyrhythmiker Waits glänzt dabei vor allem Virelles solistisch. Mit spürbarer Lust am bisweilen exzentrischen Fabulieren reizt der Kubaner die harmonischen Möglichkeiten aus, was einen Suspense erzeugt, in dem alles möglich scheint. Hébert fügt sich mit souveränem Understatement in die (fürs Ganze unverzichtbare) Nebenrolle, während Alessi als Protagonist mit vielen Facetten im Fokus steht. Er kann düstere Noir-Atmosphäre ebenso wie dynamische Actionszene, stellt seine Virtuosität aber stets in den Dienst der Geschichte.
Das ist bildstarkes, expressives Kino für die Ohren, mit eigenwilligen Charakteren, pointierten Dialogen und einer unterschwelligen Neigung zum Abgründigen – als akustisches Pendant anzusiedeln irgendwo zwischen der schnörkellosen Direktheit Scorseses und den fantastischen Welten eines Alejandro González Iñárritu. REINHOLD UNGER