In seinem Element: Grönemeyer heute. © Niemeyer/kolbert-press
„Wat Schönret gibt et nich!“ Currywurst zum „Currywurst“-Lied im Ruhrstadion Bochum. © kjk
Der Beginn: Grönemeyer bei einem Konzert 1984. © Meyer
„Hier geht mein Herz auf“: Herbert Grönemeyer beim ersten seiner vier Bochum-Konzerte in diesen Tagen. © Niemeyer/kolbert-press
Tief im Westen. Wo die Wurst curryscharf schmeckt und aus dem Zapfhahn Moritz Fiege fließt, ist es besser, viel besser, als man glaubt. Bochum. Ein Ortsname wie ein Versprechen. Für Solidarität, Selbstironie, Respekt vor anderen. Hat er alles hier gelernt, der Mann, der deutschlandweit mit „Herr Grönemeyer“ angesprochen wird – „aber bei euch nennen mich alle Herbert“. Weil: Herbert ist einer von ihnen. Und sorgt seit 40 Jahren dafür, dass irgendwie auch der Rest der Republik ein bisschen dazugehören will zu dieser Ruhrpott-Gemeinschaft. Es wurden schon FC-Bayern-Fans gesichtet, die während eines Grönemeyer-Konzerts in München mit dem VfL-Schal schwangen.
Am Mittwochabend aber ist München weit weg. Am Mittwochabend ist Heimspiel. Viermal tanzt der Grönemeyer in diesen Tagen durchs Ruhrstadion Bochum. Viermal: ausverkauft. Seit Monaten. Denn es ist Jubiläum. Exakt vor 40 Jahren hat der 68-Jährige sein Album „4630 Bochum“ veröffentlicht. Am 11. Mai 1984 erschien es, stand 140 Wochen in den Charts. Wichtiger aber ist, was es mit den Einwohnern dieser Stadt gemacht hat. Vor jedem Heimspiel des VfL erklingt der Titelsong. Wer tagsüber mit Freunden, die hier leben, durch die Innenstadt spaziert, hört viel von Arbeitslosigkeit, Fäkalien in Hauseingängen, Einbrüchen. Doch sobald der Herbert zwischen Nord- und Südtribüne das Steigerlied anstimmt, ist da plötzlich eine Energie, ein Stolz zu spüren auf dieses Bochum, diesen Ruhrpott. Auf die Bergbau-Geschichte, die Verbundenheit der Kumpel, auch: die Offenheit für Zuzug. Grönemeyer nutzt seine Konzerte seit jeher für klare politische Positionierungen. An diesem Mittwoch nach der Europawahl erinnert er an die hohe Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund, „die haben das Ruhrgebiet damals mit angeschoben. Da kannte keiner die Frage: Wo kommst du her? Man hat nur geschaut: Du bist dufte, ich bin dufte – passt!“
Sagt’s, und stimmt „Doppelpass“ an. Eine Hymne auf Völkerverständigung. Darin singt Grönemeyer Türkisch. Später in „Immerfort“ Französisch. Spötter witzeln, dass es Jacke wie Hose ist, welche Sprache er wählt, seine Texte könne man ja auch auf Deutsch nicht verstehen. Weiß Grönemeyer, spielt damit. Und weil dies ein Jubiläumsabend ist, erzählt er sie noch mal, die alten Geschichten zur Albumveröffentlichung in den Achtzigern. Wie auf seine Idee, die Scheibe „4630 Bochum“ zu nennen, alle die Hände über dem Kopf zusammenschlugen: „Ach du Sch…, das kauft ja schon in Bottrop keiner mehr!“ Die Anekdoten kennen sie im Stadion längst, lachen aber darüber wie alte Schulfreunde beim Klassentreffen. Gemeinsam in die Zeitmaschine.
Obwohl sich Herbert Grönemeyer seine kindliche Freude über seinen Irrsinnserfolg hinweg bewahrt hat, jedes Konzert feiert, als dürfe er das erste Mal in einem Stadion singen – an diesem Jubiläumsabend in Bochum ist da noch mehr. „Das ist meine Heimat. Sobald ich die Sprache höre, geht mein Herz auf.“ Momentan ist richtig, momentan ist gut.
Die meisten im Publikum haben ihren Herbert schon oft live gesehen. Aber das, was er ihnen jetzt beschert, das hat so noch keiner erlebt. Er zieht es wirklich durch. Das gesamte „4630 Bochum“-Repertoire. „Die Platte singen wir jetzt von oben bis unten runter.“ „Alkohol“, „Männer“, „Mambo“ sind immer gesetzt. Aber „Jetzt oder nie“, „Für dich da“, „Amerika“: Wie lange hat man das nicht mehr gehört? Hat man’s überhaupt schon live gehört? Oder nur auf den legendären Konzertmitschnitten aus den Neunzigern?
Und dann: „Erwischt“. Vorweg eine Ausrede: „Wir haben ,4630 Bochum‘ damals innerhalb von drei Monaten hingezimmert. Deshalb sind auch drei Schrottlieder drauf. Das hier zum Beispiel.“ Als er „Erwischt“ anstimmt, sieht man ihm die Überraschung an: Sie singen alle mit. Kennen jede Zeile. „Wow. Allein für diesen Moment ist es schon schön, dass wir gekommen sind. Dann können wir jetzt ja gehen. Tschüsssss!“
Nix Tschüsssss. Auf diesen Trick fällt keiner rein. Unter drei Stunden macht Grönemeyer nie. Legt ein Laufpensum hin, an dem sich die Jungs der Nationalmannschaft in den nächsten Wochen orientieren dürfen. Fegt über den Bühnensteg; ist Spielmacher und Trainer zugleich – und wenn er das Mikro wieder am Piano hängen gelassen hat und pünktlich zum Refrain zurück sein will, ein bisschen Manuel Neuer beim Sprint zurück ins Tor. Herbert-Konzerte sind wie ein gigantisches Public Viewing. Und immer Finale. Und immer Sieg.
Den schönsten Elfmeter gibt’s um kurz nach halb elf. Ein flehender Zwischenruf: „Currywurst!“ Und er tut’s, er tut’s tatsächlich. Stimmt die „Currywurst“ an. Macht er sonst so gut wie nie. Spätestens jetzt ist es um alle geschehen. La-Ola-Welle, „Oh wie ist das schön“-Chöre und „Mambo“ a capella. Herbert trocken: „Jetzt seid ihr warm geworden oder was?“
Zum Dank gibt’s die beste Verlängerung, die sich ein Bochumer zu 40 Jahre „Bochum“ wünschen kann. Die Band spielt, er stimmt die einzelnen Strophen an – und lässt die Fans zum zweiten Mal an diesem Abend ihr Lied singen. Oh, Glück auf.
Als man später im Taxi sitzt, spricht der Fahrer den ungewöhnlichen Satz: „Wir warten jetzt erst mal den Stau ab, später mache ich das Taxameter an.“ Nach einer Viertelstunde sieht er eine Frau mit Blindenstock an der Straße stehen – ob man sie nicht mitnehmen wolle? Zu dritt fährt man durch den nächtlichen Ruhrpott. Erfährt, dass auch sie gerade aus dem Stadion kommt. Das erste Mal Herbert. Wie’s war? „Unbeschreiblich. Ich bin total aufgekratzt. Ich fühle mich so leicht. Einfach nur glücklich.“ Tief im Westen. So viel besser, als man glaubt. KATJA KRAFT