Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier begrüßt Margot Friedländer bei den Feierlichkeiten anlässlich 75 Jahren Grundgesetz. © CHRISTIAN MARQUARDT / POOL
Bella Figura: Margot Friedländer auf dem Cover der akutellen „Vogue“. © Mark Peckmezian
Das Wichtigste steht als Gruß links unten im Bild. „Liebe.“ Handgeschrieben und leicht zittrig, was ja auch kein Wunder ist angesichts des Alters derer, die da den Stift geführt hat. Margot Friedländer hat ihr langes Leben in den Dienst von Liebe und Mitmenschlichkeit gestellt, seit sie als junge Frau das Nazi-Morden überlebte. Jetzt ist sie mit 102 Jahren unverhofft zum Cover-Star des Modemagazins „Vogue“ geworden. Und was sie ausstrahlt, wie sie uns da offen anlächelt, ganz in Rot inmitten eines Meers von Blumen, ist genau das: Liebe und Mitmenschlichkeit.
Vier Mal hat die deutsche „Vogue“ Friedländer in diesem Jahr getroffen, zuletzt im April, zum Covershooting im Botanischen Garten in Berlin. Für das mehrseitige Porträt sprach die Redaktion mit ihr über die Schrecken des Nationalsozialismus, die Zeit mit ihrem Ehemann in New York, die Rückkehr nach Deutschland und ihr Engagement als Holocaust-Überlebende. Die Ausgabe ist ab dem 22. Juni erhältlich.
Was dabei allerdings nicht zu kurz kommt, ist Friedländers Faible für Mode. Auf dem Cover trägt sie eine knallrote Wolljacke von MIU MIU – das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse (links) und den Verdienstorden des Landes Berlin (rechts) am Kragen hält man erst für dezente Broschen. Als junge Frau habe sie davon geträumt, Schneiderin und Designerin zu werden, erinnert sie sich in der Homestory. Ab 1936 lernte sie an einer Berliner Kunstgewerbeschule Mode- und Reklamezeichnen. Mit ihrem Bruder sei sie im Café Wien am Kurfürstendamm gesessen und habe die mondän gekleideten Frauen und Männer beobachtet. „Ich wollte selbst Kleider entwerfen“, sagt sie . „Ich hatte große Pläne.“
Die Nazis machten sie zunichte – und noch so unfassbar viel mehr. Die 1921 als Anni Margot Bendheim in Berlin geborene Jüdin konnte den Häschern, die schon ihre Familie in Auschwitz ermordet hatten, für eine Weile entkommen. Doch dann wurde sie ebenfalls deportiert, kam 1944 ins Konzentrationslager Theresienstadt. Dort traf sie Adolf Friedländer, den sie von früher kannte (seine Anzüge hätten die schärfsten Bügelfalten gehabt, die sie je gesehen habe, erinnert sie sich). Die beiden heirateten gleich nach der Befreiung noch in Theresienstadt. In diesem Moment entdeckte sie ihr Talent wieder: Aus einem weißen Stück Stoff mit orangefarbenen Pünktchen nähte sie sich ihr Hochzeitskleid, erzählt sie der „Vogue“. Als ihre große Liebe starb, kehrte Friedländer, nachdem sie jahrzehntelang in New York gelebt hatte, im Alter von 88 Jahren nach Berlin zurück.
Die gesamte Ausgabe des Magazins steht unter dem Motto Liebe. „Die positivste Person, die ich kenne, ist in dieser Ausgabe auf unserem Cover“, sagt „Vogue“-Chefin Kerstin Weng in einer Mitteilung des Verlags Condé Nast. „Sie hätte jeden Grund, verbittert zu sein, bleibt aber aufgeschlossen.“
Tatsächlich nutzt Margot Friedländer jedes Medium – egal ob ein Modemagazin oder die Jugendlichen-Plattform TikTok –, um an ein friedliches Miteinander zu appellieren. Sie berichtet der „Vogue“, wie sie eine immer größere Spaltung wahrnehme: Seit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober auf Israel und dem folgenden Gaza-Krieg fragten sie Jugendliche: Bist du für Israel? Bist du für Palästina? Davon will sie nichts wissen: „Schaut nicht auf das, was euch trennt. Schaut auf das, was euch verbindet. Seid Menschen. Seid vernünftig.“ Ihr gegenüber seien die Leute offen, hörten ihr zu, stellten Fragen. „Das macht doch Hoffnung. Nicht?“
Sorge bereitet ihr allerdings die Salonfähigkeit extrem rechter Ansichten. Dass immer mehr Junge sich von der AfD angezogen fühlen, dass Politiker in der Öffentlichkeit angegangen werden, dass Juden auch heute wieder um ihre Unversehrtheit fürchten. „Ich bin entsetzt.“ Sie weiß noch, wie viele „normale“ Deutsche das Treiben der Nazis mit Unbehagen, aber auch mit Zuversicht betrachtet hätten. Ihre eigene Familie sei unpolitisch gewesen. „Wir hofften, dass Hitler wieder verschwindet.“
Trotz ihres blendenden Aussehens macht die Gesundheit der Hochbetagten zu schaffen, auch das wird im Verlauf des Gesprächs deutlich. Beim ersten Treffen muss sich die alte Dame, die in einer Seniorenresidenz im Berliner Westen wohnt, noch von einer Grippe erholen. Immer mal wieder kann sie nachts nicht schlafen, erzählt sie, weil ihre Katze so schnarcht. Auch ihr Hörgerät streikt bisweilen. „Je mehr Menschen sie um sich herum hat und je lauter die Geräuschkulisse ist, desto schwieriger ist es für sie, den Gesprächen zu folgen. Sie zoomt dann einfach raus“, schreiben die Autorinnen. Das jedoch nur kurz. Denn Friedländer liebe Gesellschaft.
So porträtiert die „Vogue“ die Botschafterin einer ganzen Epoche. „Man hört ein wenig die konservierte Sprache der Dreißiger- und Vierzigerjahre, als stecken die Worte in einer Zeitkapsel.“ Ehrfürchtig begutachten die Mode-Journalistinnen auch den begehbaren Wandschrank ihrer Gastgeberin – beim Fotoshooting darf sie sogar eigene Kleidung tragen (die dann als „vintage“ bezeichnet wird).
So kann man sich dieser Jahrhundertperson am Ende auch nähern: Margot Friedländer ist das zeitlose Exemplar eines Menschen. Das nie aus der Mode geraten darf. JOHANNES LÖHR