Der Patriarch mit Wohlklang: Simon Bailey gibt einen kultiviert singenden Wotan. © Xiomara Bender/Tiroler Festspiele
„Lieber Wilder Kaiser als Grüner Hügel“. Das behauptet zumindest selbstbewusst ein T-Shirt im Souvenirstand des Erler Passionsspielhauses. Und für viele hartgesottene Wagner-Fans sind die Tiroler Festspiele inzwischen tatsächlich so etwas wie eine Alternative, oder zumindest eine spannende Ergänzung zum jährlichen Bayreuth-Besuch.
Seit 2021 hat Regisseurin Brigitte Fassbaender in Erl einen neuen „Ring“ erarbeitet, auf den so manches Opernhaus neidisch sein dürfte. Gemeinsam mit Ausstatter Kaspar Glarner erklärt sie die spartanische technische Ausstattung des Hauses zur Tugend und liefert eine Deutung, die nicht mit plakativen Effekten blenden muss, sondern den Fokus ganz auf die handelnden Personen legt.
Trotz starker Bilder, die Video-Designern Bibi Abel an die Wände zaubert, bleiben so vor allem die vielsagenden Blicke und Gesten im Gedächtnis, die immer wieder zwischen den Figuren gewechselt werden: ein Auge aufs Detail, das gerade im dialogreichen „Rheingold“ hilft, um Charakterzüge und kleine Animositäten innerhalb der Göttersippe herauszuarbeiten, die sonst gern einmal vorbeirauschen. Als Patriarch ist mit Simon Bailey ein kultiviert singender Wotan zu erleben, der seine Autorität am Vorabend noch mehr behauptet, als sie tatsächlich auszustrahlen. Was aber auch der stimmlichen Ökonomie geschuldet sein mag. Denn am folgenden Abend in der „Walküre“ legt der britische Bassbariton in seinem großen Monolog mächtig zu und schafft es vor allem, mit dem beinahe liedhaft gestalteten Abschied zu berühren. Während beim Alberich von Thomas de Vries noch Luft nach oben ist.
Wenig mäkeln lässt sich an der Tenor-Front. Angefangen bei Ian Koziara, der als dunkel timbrierter Loge mit heldischen Tönen aufwartet, ohne dabei seine lyrische Vergangenheit zu verleugnen. Eine Qualität, die man ebenfalls bei Marco Jentzsch attestieren darf, der als Siegmund seinen erfolgreichen Einstand in Erl feiert. Dominiert wird das Geschehen auf den ersten beiden „Ring“-Etappen dennoch von den Frauen. So muss Christiane Libor als Brünnhilde zwar von der Mittellage abwärts öfter basteln, entschädigt dafür aber mit gestählten Spitzentönen, die auf den folgenden Etappen noch besser zur Geltung kommen dürften. Wie so oft in der „Walküre“ entpuppt sich auch diesmal die Figur der Sieglinde als emotionales Zentrum, wenn sich Irina Simmes mit ihrem warmen Sopran in die Herzen des Publikums singt. Nicht zu vergessen Zanda Švede, die der Urmutter Erda ihren sinnlichen Alt leiht. Oder Bianca Andrew, deren Fricka schon im „Rheingold“ mehr als nur Stichwortgeberin ist, und die das Klischee der keifenden Furie mit samtigem Mezzo widerlegt.
Von dieser Energie dürfte sich Dirigent Erik Nielsen gern mehr anstecken lassen, der mit breiten Tempi eher auf Nummer sicher geht. Was in den kammermusikalisch gestalteten Dialogen für Intimität sorgt, in den dramatischen Auseinandersetzungen der „Walküre“ hin und wieder den letzten Biss vermissen lässt. Aber wenn das Publikum zum Ende der zweiten Pause von stürmischen Winden und dunkel drohenden Wolken zum bevorstehenden „Walkürenritt“ zurück in den Saal getrieben wird, leisten zumindest die Naturgewalten ganze Arbeit, um das Gesamtkunstwerk perfekt zu machen.
TOBIAS HELL
Weitere Informationen
und Karten gibt es online unter www.tiroler-festspiele.at.