Schau mir in die Augen, Kleiner: Cleopatra (Emöke Baráth, re.) begegnet Cesare (Arianna Vendittelli). Giacomellis vergessenes Stück ist von der Handlung her fast baugleich mit Händels berühmterer Opernversion. © Birgit Gufler
Vielleicht 90 bis 120 Sekunden, länger dauert das Happy End nicht. Eben noch Gemetzel und Liebeskrampf, jetzt alle an der Rampe aufgereiht zum Dankgesang, das glaubt ja ohnehin keiner. Der Vorhang fällt also schnell – wann er sich wohl andernorts über diesem Stück wieder heben wird? „Cesare“ von Geminiano Giacomelli, uraufgeführt 1735 in Venedig, hat ein Riesenproblem: Zehn Jahre zuvor entstand Händels ultimativer Barockopernhit auf ein fast baugleiches Libretto. Nachfolgestück wie Komponist spielen heute fast keine Rolle mehr. Ein Grund mehr, so dachte sich Dirigent Ottavio Dantone, damit seine Innsbrucker Amtszeit zu beginnen.
Was man vor allem mitnimmt aus diesem Premierenabend bei den Festwochen der Alten Musik: Die Serenissima protzte seinerzeit mit Vokalakrobaten. Fast jede Arie ein eng gesteckter Slalom. Hochtourig, effektvoll, mit Tongirlanden wie EKG-Ausschläge. Giacomelli komponierte alles seinen First-Class-Kräften in die Kehle, rückte sie ins beste Licht. So geht das über gute drei Stunden plus Pause. Zunächst funktioniert es auch, man überlässt sich dem Musikstuckwerk zu gern. Um dann zu registrieren: Fallhöhe, Kontrastmittel, ein Blick in Seelenabgründe, all das fehlt „Cesare“. Womit man wieder bei Händel wäre…
Dantone hat die Partitur selbst eingerichtet, die Liebe zum vergessenen Tonschöpfer ließ ihn offenkundig vor weiteren Kürzungen zurückschrecken. Im Graben des Tiroler Landestheaters sitzt er selbst am Cembalo: ein Primus inter pares, ein cooler Barockbandleader, der das Spiel seiner Accademia Bizantina moderiert. Oboen und Fagotte gehen im farbigen, temperamentvollen Streicherspiel fast unter. Und wenn’s auf der Bühne viril wird und sich römische oder ägyptische Machos Gehör verschaffen, kommentieren das zwei Hörner bis hin zu dreckigen Dissonanzen.
Giacomelli, Kapellmeister in Parma, Piacenza und Loreto, dazu noch Gesangslehrer, schrieb rund 20 Opern. Manche Arien wurden so populär, dass Vivaldi und Händel sie in eigenen Werken einbauten. Kein Musikklau war das, sondern eine Verbeugung vor dem Kollegen. Das Problem nur: So sehr das Koloraturenfutter die Stars bediente, so wenig charakterisiert es die Figuren. Zumal sich mit zunehmender Dauer des Stücks die Gleichnis-Arien häufen, in denen zum Beispiel von allegorischen Stürmen gesungen wird, aber kaum Handlungsstrecke gemacht wird. Ein Easy Listening, das man durchaus goutiert, das in den schwächsten Momenten aber übers Barock-Fast-Food nicht hinauskommt.
Der neue Festwochen-Chef ist nicht der Typ, der die Musik (vielleicht als Gegenmaßnahme) aufgrellt oder überhitzt. Dantone lässt zwar zupackender spielen als sein Innsbrucker Vorgänger, der aristokratische Alessandro De Marchi. An die Musikstürme, die einst René Jacobs unter der alpinen Nordkette entfachte, darf man jedoch nicht denken. Vielleicht auch, weil Dantone für den „Cesare“ kaum Hochkalibriges und -karätiges zur Verfügung stand. Sängerinnen und Sänger sind fast alle FestwochenBekannte und Preisträger des dortigen Cesti-Wettbewerbs, aktuell befinden sie sich im ersten Karrieredrittel.
Aus dem Ensemble ragen immerhin zwei heraus. Arianna Vendittelli, die den Cesare mit kühlem, energiereichem Ton singt, auch mit dem weiten Ambitus dieser Sopranpartie (geschrieben für den legendären Kastraten Felice Salimbeni) fast mühelos zurechtkommt. Als sie im zweiten Teil ihre Bravour-Arie funkeln lässt, scheint die Aufführung endlich zu erwachen. In ähnlichen Gipfelregionen unterwegs ist Federico Fiorio. Er gestaltet Roms Senator Lepido mit feiner, delikater Sopranisten-Stimme, die auch in der Höhe nicht ihre Rundung verliert. Doch die Hosen an hat in dieser Oper die so rachsüchtige wie begehrte Cornelia: Margherita Maria Sala ist in ihren zähnefletschenden Rezitativen stark, in den Arien lässt sie sich auch aus Sicherheitsgründen zurückfallen. Emöke Baráth gestaltet eine auch klanglich schnippische, kühl-beherrschte, im Timing nicht ganz sattelfeste Cleopatra. Valerio Contaldo als Tolomeo klingt mit seiner Nasalresonanz wie ein Villazón-Konzentrat, langt später aber in dramatischen Nummern zu. Meist aber singt sich das Personal artig und korrekt an den Verzierungsstrecken entlang, anstatt befreit mit den Noten zu jonglieren. Was Wunder, das Werk ist Neuland.
Zu sehen gibt es im Landestheater allenfalls ein szenisches Arrangement. Regisseur Leo Muscato hat das Stück notdürftig bis leidlich ambitioniert durchgestellt. Cäsar und seine Mini-Truppe marschieren auf als Wüstensöhnchen von heute mit Gewehr und Pistole. Ägypten existiert auf der Drehbühne nur mehr als Ruine mit Hieroglyphen, riesige Kampfstatuen in Rot umstellen die Szenerie. Im zweiten Teil gibt es noch zwei Ständer mit Feuerschalen, als es an die Schlacht geht (untermalt von einer leider kurzen Battaglia) wird’s auch unfreiwillig komisch. Viel Raum bleibt dadurch fürs Gesangshandwerk, nach der Pause gewinnt die Aufführung an Nachdruck und Vehemenz. Ob „Cesare“ damit fürs Barockrepertoire gerettet ist? Aus den Innsbrucker Aufführungen wird für alle Fälle ein Mitschnitt destilliert. Als Urteilshilfe für Intendanten, Barock-Nerds und sonstige CD-Konsumenten.
Weitere Vorstellungen
am 9. und 11. August; Karten und Infos zum weiteren Programm unter www.altemusik.at.