CD-KRITIK

Speed-Dating mit dem Star

von Redaktion

Jonas Kaufmann trifft sechs Sopranistinnen

Ein reines Puccini-Album ist Jonas Kaufmanns CD „Love Affairs“ mit Opern-Duetten. © Gregor Hohenberg

Regisseur Ralf Westhoff gab seinen Paaren fünf Minuten. Zum Befragen und Beschnuppern zwecks möglichem Funkenflug. Schließlich das Signal – und der Mann sitzt vor einer neuen Frau. „Shoppen“ hieß der Film, und nicht viel anders funktioniert das, was Jonas Kaufmann auf CD brennen ließ. Ein Speed-Dating in Sachen Puccini. „Love Affairs“ ist als Titel hoch gegriffen: Feuer fängt man bei diesen Opern-Quickies nur bedingt.

Wobei: Mit Asmik Grigorian tut sich was. Sie Giorgetta, er Luigi. Und man hört, wie sich Kaufmann in der „Tabarro“-Szene anstacheln lässt. Die Grigorian liefert den Musterfall des Puccini-Gesangs. Enorm energiereich, jede Silbe dramatisch motiviert, doch kein vokales Overacting. Manche Kollegin kommt mit den kurzen Kaufmann-Dates weniger zurecht. Anna Netrebko bleibt trotz dramatischer Vehemenz als Manon Lescaut eine Spur zu passiv. Pretty Yende singt ihre Mimi, als ob sie im Nachbarstudio von Rodolfo steht. Maria Agresta gibt sich als Butterfly elegisch gelaunt und bringt das Existenzielle der Partie nur in Spurenelementen zum Klingen. Sonya Yoncheva ist als Tosca dagegen fest entschlossen zum Vokalporträt und degradiert (mit kleinen Flackereinheiten) ihren Cavaradossi zum Stichwortgeber. Auch Malin Byström als Minnie formt mit charakteristischen Dunkelwerten ihre „Fanciulla“Momente zu Mini-Dramen.

Was man Kaufmann zugutehalten muss: Puccini steht seiner frühherbstlichen Stimme gerade besser als Verdi oder Wagner. Sein gutturaler Tenor passt sich gut ein in die saftige Instrumentation. In kniffligen Situationen kann er von der Tontechnik weggepegelt werden, ohne dass es zu großen Verlusten kommt. Wer die Opern nicht kennt, hat aber das Gefühl: Hier singt ständig dieselbe Figur. Kaufmann fährt da auf Domingo-Schiene. Auch Letzterer hat irgendwann erkannt, welcher Klang, welcher vokale Zugriff seiner Stimme am besten steht und beim Publikum am besten ankommt. Bei Kaufmann ist es eben dieser eigentümliche, in Tenorregionen hochgezogene Bariton-Sound.

Dass es zu keinen echten Theatersituationen kommt, liegt auch am Mann mit dem Taktstock. Asher Fisch, ab sofort musikalischer Chef in Erl und damit der Festspiel-Buddy des neuen Tiroler Intendanten Kaufmann, liefert Puccini mit Themaverfehlung. Das Orchestra del Teatro Comunale di Bologna produziert eine satte, soßige, harmlose Begleitung. Für die beiden letzten Nummern ist dann die Damenwelt nicht mehr wichtig. Kaufmann singt Rodolfos „Che gelida manina“ mit etwas ausgestelltem Zärteln. Dafür gibt es ein hochakzeptables „E lucevan le stelle“: Der Cavaradossi liegt ihm einfach.
MARKUS THIEL

„Puccini: Love Affairs“.

Jonas Kaufmann,
Orchestra del Teatro
Comunale di Bologna,
Asher Fisch (Sony).

Artikel 3 von 5