Spiel des Lebens

von Redaktion

Trockel und Djordjadze im Lenbachhaus

Zwischen Kunstinstallation und Design-Inszenierung eines noblen Möbelgeschäfts schleudern Trockel und Djordjadze. © VG Bild-Kunst, Bonn 2024. Courtesy the artists and Sprüth Magers. Foto: Ernst Jank

Detail des mächtigen Vierfachwerks mit dem ironischen Titel „A Ship So Big, A Bridge Cringes“ (2007). © VG Bild-Kunst, Bonn 2024. Courtesy of the artists and Sprüth Magers. Foto: Ernst Jank

Ist das jetzt die schönste Ausstellung? Ist das die edelste Ausstellung? Oder ist sie die schlitzohrigste? Mega-Star Rosemarie Trockel (Jahrgang 1952) und ihre ehemalige, längst schon hoch angesehene Schülerin Thea Djordjadze (1971) haben sich zusammengetan, um ihr Publikum zu überraschen – und ihm die Freiheit zu schenken. Denn die Schau „limitation of life“ (sic; Kuratorin Eva Huttenlauch) im Münchner Lenbachhaus ist alles drei: weihevoll, elegant und voll stillen Gelächters. Die Damen spielen „Hehre Kunst“. Und indem sie das tun, demontieren sie sie. Das macht so richtig Spaß.

Die Ausstellungshalle wird zur Kapelle

Also Spielstart mit schummriger Aura: schwarze Wände, kaum Licht. Eine schwarz-graue, hochwertig ausgeführte Foto-Kombi – hier brennt was, dort ein gestreifter Stoff – sitzt auf einem fein gearbeiteten schwarzen Regal. Auf ihm sind zwei weiße „Gefäße“ arrangiert. Trockel und Djordjadze schleudern raffiniert zwischen Kunstinstallation und Design-Inszenierung eines noblen Möbelgeschäfts. Oder nehmen sie die oft unaussprechlich schlechten, aber artifiziellen Videos auf den Arm? Jedenfalls verweist der Titel „kapelle von venice but without terror“ (sic; 2017/24) augenzwinkernd auf den Kollegen Christoph Schlingensief und dessen „Kirche der Angst“ auf der Biennale in Venedig 2011.

Im Anschluss an diesen Einstieg beweisen die Frauen: Kirche ja, aber bei uns ohne Schrecken. Nun beginnt das eigentliche Spiel in der zur „Kapelle“ umgewandelten, nämlich freigeräumten Halle des nördlichen Lenbachhaus-Trakts. Schwarz und Dunkelheit bleiben. Man fühlt sich gleich sakral, meditativ, spirituell erhöht. Vor allem die Dame im Schaukelstuhl kann sich gar nicht von der entspannten Atmosphäre lösen. Dass sie sehr auf aktuelle Kunst steht, merkt man schon an ihrer flippigen Kleidung. Erst aus nächster Nähe erkennt man im schwachen Schein, dass die alte Frau mit Krückstock und Arbeitsmaske ein Kunstwerk ist, „limitation of life“ (2007) genannt.

Gschlamperter Realismus pur in einer Schau, die minimalistisch, konzeptkunstmäßig und um-fünf-Ecken-denkend daherkommt. Thea Djordjadze und Rosemarie Trockel haben mit der erschöpften „Künstlerin“ ihr Spiel gewonnen, denn sie haben das Auratische erneut aufgebrochen. Ziemlich offensichtlich. Versteckter betreiben sie diese Strategie in den „erhabenen“ Werken. Der konventionelle Raumzuschnitt wird perfekt aufgewertet durch Trockels Von-Wand-zu-Wand-Bahnen. Das sind freilich keine stählernen Saiten, sondern schlichte, pardon, gar nicht schlichte Fäden. Sie laufen auf zierliche Neonleuchten-Chiffren von Djordjadze zu. So einem „Lob der Langeweile“ (2008) ist schwer zu widerstehen.

Opulenz hingegen beim mächtigen Vierfachwerk mit dem ironischen Titel „A Ship So Big, A Bridge Cringes“ (2007). In einem mit Wasser gefüllten Podest stehen die Leinwände Rücken an Rücken. Schwarze Schnüre auf Weiß neben einem richtigen Gemälde und schwarze Schnüre auf Weiß neben einer dunklen Fläche, auf der sich helle Buchstaben, geometrische und amorphe Formen tummeln. Eine lose weiße (Nabel-)Schnur verbindet die Vierlinge. Das ist eine Drumherum-geh-Installation, bei der sich ständig etwa Neues entdecken lässt. Die Betrachtenden sollten es sich also nicht im Schaukelstuhl gemütlich machen.
SIMONE DATTENBERGER

Bis 27. April 2025

Di.-So. 10-18, Do. bis 20 Uhr;
Telefon: 089/23 39 69 33.

Artikel 1 von 11