„Schriftsteller sollten über das Glück schreiben! Man sollte Einspruch erheben gegen das Gerede von der Unmöglichkeit der Liebe!“ So formuliert es der Ehemann in Julia Schochs Roman. Wer wollte da widersprechen? © Helmut Fricke
Am Ende bleibt die Erinnerung. An das, was einmal eine große Liebe war.
Oder was man eben Liebe nennt. Dieses verknäulte Etwas von Gefühlen, Berührungen, Momenten zweier Menschen. Der eine dem anderen so nah und doch so fremd. „Die meiste Zeit wissen wir nicht, was wir füreinander sind.“
Julia Schoch räumt wieder auf. Nach „Das Vorkommnis“ und „Das Liebespaar des Jahrhunderts“ schließt die preisgekrönte Autorin ihre Trilogie „Biografie einer Frau“ mit dem Roman „Wild nach einem wilden Traum“ ab. Nach der großen Inventur ihrer Beziehung, in der jedes Gefühl, jede Erinnerung einzeln abgestaubt wurde, keine Ecke ihres Herzens verschont blieb, widmet sie sich jetzt ihren Erinnerungen an eine Affäre, die sie und ihr Leben geprägt hat. „Ich habe die Ehe beschrieben, die Dauer. Hier geht es um das Gegenteil – um einen Moment nur, eine kurze Spanne Zeit.“
Denn von außen betrachtet, waren die Wochen mit dem Mann, den sie „den Katalanen“ nennt, nicht mehr als eine Episode ihres Lebens. „Sie hätte eingeklappt bleiben können wie das Bild, das nur zum Vorschein kommt, wenn man den Fächer ganz und gar aufschlägt. Ich will dieses Bild richtig betrachten. Ich weiß, dass es damals Wendungen gab, die sich auf alles, was danach gekommen ist, ausgewirkt haben.“
Und wieder gelingt es Julia Schoch, uns mit ihrer klaren, bilderreichen Sprache, dieser intimen Offenlegung persönlichster Gedanken direkt hineinzuziehen in unsere eigenen Erinnerungen. An Kindheit, Prägung, erste Liebe, Untreue. Wobei, Treue, was heißt das schon? Mit der Lebensklugheit einer Frau von 50 Jahren, die wie ihre autofiktionale Erzählerin schon auf vielen Irrwegen dieses Labyrinths, das sich Gefühlswelt nennt, gewandelt ist, streift sie den Aspekt der Treue nur en passant. Weil sie vom Leben und Lieben gelernt hat, dass die Affäre selten mit der Person, mit der man eigentlich zusammen ist, zu tun hat. Sondern vielmehr mit einem selbst. „Es geht nicht um Verrat, nie. Man will etwas haben, das einem ganz allein gehört. Und zugleich will man sein Leben mit jemandem teilen. Wie es aussieht, wollen manche Menschen alles. So verrückt ist das.“
Die Ich-Erzählerin steht an einem Wendepunkt. Um das zu spüren, muss man die zwei vorherigen Bände der Trilogie nicht gelesen haben (darf das aber schnellstens tun, dringende Empfehlung). „Es hat immer einen Grund, warum man sich erinnert“, sinniert sie. Um dann gedanklich zurückzukehren an einen Moment in ihrem Leben, an dem sich auch alles hätte in eine ganz andere Richtung bewegen können. Ob bewusst oder unbewusst: Ihr jüngeres Ich stand an einer Gabelung und entschied sich letztlich für das, was heute ihr Leben ist. Der Katalane, den sie in einer Künstlerkolonie irgendwo in der US-amerikanischen Pampa, fern von ihrem heutigen Ehemann, kennenlernte, steht sinnbildlich für die Alternative. Den anderen Mann, das andere Land, das andere Leben. Was sie später vermisst, ist, was man nach einer elektrisierenden Liebe, die verflogen ist, meist vermisst: nicht diese Person, die einmal alles für einen schien, sondern das damalige Ich. „Ich erinnerte mich an die Euphorie, die Zuversicht, die mich nach unserer Begegnung in A. erfasst und mich durch die Tage unmittelbar nach unserem Abschied getragen hatten (…) Ich wünschte, ich könnte sie wiederfinden, sie wiederbeleben in mir. (Das Leben: ein Stolpern von einem zuversichtlichen Momente zum nächsten.)“
Dabei ist gar nicht klar, ob ihre flüchtigen Erinnerungen der Wahrheit entsprechen. „Auf das Vergessen ist Verlass. Ohne Vergessen gäbe es keine Geschichten. Sie sind das, was übrig bleibt.“ Wahrheit, Ungereimtheiten – spielt es eine Rolle? „Es sind trügerische Erinnerungen, ich weiß. Dennoch liebe ich sie. Und wie ich sie liebe, meine Irrtümer. All die wunderbaren, falschen Vorstellungen.“
Dies ist kein verklärter Blick zurück. Im Gegenteil. Julia Schoch erzählt das Träumen, Überhöhen, das Zweifeln, Hinterfragen, das Spielen, Umeinander-Herumscharwenzeln, kurz: die knisternde Magie einer Liaison – inklusive der dahinterliegenden Tricks. Sie reißt das weiße Kaninchen aus dem Zylinder und dreht den Hut einmal um. Wohl wissend, dass sie dem Zauber trotz aller rationalen Erkenntnis immer wieder erliegen würde. Und so ist dieser Gedankenstrom, der sich immer wieder verästelt, dabei aber nie die Richtung verliert, vor allem dies: eine Liebeserklärung an die Liebe. Eine Ermunterung dazu, das, was an Sehnsüchten in einem schlummert, zu leben. Auch auf die Gefahr hin, sich dabei gänzlich zu verlieren. Denn: „An die Liebe zu denken, sich in sie zu verbeißen, das ganze Leben nach ihr auszurichten, sich von ihr zugrunde richten zu lassen – was sollte verachtenswert daran sein? Wenn man zurückblickt, ist sie das Einzige, das wichtig war.“
KATJA KRAFT
Julia Schoch:
„Wild nach einem wilden Traum“. dtv, München, 176 S.; 23 Euro.
Lesung: Julia Schoch stellt ihren Roman am 19. Februar, 19 Uhr,
im Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, vor; Karten
– auch für den Livestream –
unter 0761/88849999 oder unter
literaturhaus-muenchen.reservix.de.