Kleine Gesten, maximale Wirkung

von Redaktion

Herbert Blomstedt gastiert beim BR-Symphonieorchester mit Strawinsky und Mendelssohn

Große Erfahrung, keine Millisekunde Routine: Der 97-jährige Herbert Blomstedt dirigiert im Herkulessaal. © Severin Vogl

Herbert Blomstedt ist und bleibt ein Phänomen. Sicher, der Weg zum Pult – eingehakt am Arm des Konzertmeisters – dauert mittlerweile etwas länger. Doch sobald der 97-Jährige die Hand zum ersten Einsatz hebt, strömt eine Energie durch den Herkulessaal, um die ihn so manch jüngerer Kollege beneiden dürfte. Blomstedt spielte einmal mehr seine Erfahrung aus, ließ aber trotzdem zu keiner Millisekunde Routine einkehren. Und es genügte allein schon, in die Gesichter der Musikerinnen und Musiker zu blicken. Spätestens dann wurde klar, dass dieser Abend auch für die Mitglieder von Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks kein Konzert wie jedes andere war.

Ausgewählt hatte der Tiefgläubige zwei Werke, die nicht unterschiedlicher hätten sein können und doch aus einem ähnlichen Geist heraus entstanden. Für Strawinsky markierte seine „Psalmensymphonie“ eine Abkehr vom Atheismus und die neue Annäherung an die russisch-orthodoxe Kirche. Diesen Weg zeichnete auch Blomstedt in seiner Interpretation nach. Mehr als einmal schienen da die archaischen Klänge des gut zwei Jahrzehnte zuvor entstandenen „Sacre du printemps“ aufzublitzen, die Blomstedt scharfkantig herausmeißelte. Wobei der Verzicht auf die hohen Streicher ebenso für eine ganz eigene Farbe sorgte wie das donnernde Schlagwerk. Nicht weniger akribisch widmete sich Blomstedt auch kammermusikalischen Momenten wie der sanft zelebrierten Holzbläser-Fuge im zweiten Satz.

Mehr als einmal war man da versucht, die Augen zu schließen und sich selig von der Musik davontragen zu lassen. Doch wäre einem dann entgangen, wie subtil und zufrieden lächelnd Blomstedt mit den Musikerinnen und Musikern interagierte. Oft waren es nur kleine Gesten, aber stets mit maximaler Wirkung. Wenn er etwa den geschmeidig intonierenden Chor sanft abdämpfte, ehe das „Alleluia“ seine Kraft umso gewaltiger entfalten durfte. Auch im Saal traute sich nach dem Verklingen der letzten Note kaum jemand zu atmen, ehe die Hand des Dirigenten endlich sank und den Moment der Stille auflöste.

Nach diesem intensiven Erlebnis waren die Erwartungen an Mendelssohn Bartholdys „Lobgesang-Symphonie“ umso höher. Blomstedt löste das vor der Pause gegebene Versprechen voll und ganz ein. Zügig voranschreitend in der Sinfonia, die im „Adagio religioso“ ihrem ersten Höhepunkt entgegensteuerte – wobei Blomstedt demonstrierte, dass sich weihevolle Stimmung nicht nur mit breiten Tempi erzeugen lässt, sondern aus einer ehrlichen inneren Empfindung heraus entstehen muss.

Auch nach dem erneuten Hinzutreten des BR-Chores blieb die Balance stets gewahrt. Genau wie bei den drei Solostimmen. Einspringerin Nikola Hillebrand beeindruckte mit klarer Diktion und führte einen farbenreichen Sopran ins Feld, der sich im Duett gut mit dem hellen Mezzosopran Marie Henriette Reinhold ergänzte. Beide wurden vom Dirigenten ähnlich behutsam durch die Partitur getragen wie Tenor Tilman Lichdi.

Standing Ovations vor allem für den ebenso sympathischen wie bescheidenen Maestro, der zunächst selbst den auf der Bühne versammelten Kollektiven Applaus spendete, ehe er sich endlich umdrehte und die dankbaren Huldigungen des Publikums entgegennahm. Dass dieses Programm aufgrund widriger Umstände nur einmal erklingen konnte, ist zutiefst bedauerlich. Als Trost bleibt zumindest der Klick in die BR-Mediathek.
TOBIAS HELL

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