Um die sagenumwobene Melusine, ihre Märchen-„Schwester“, die kleine Seejungfrau, und um eine im Angesicht des Meeres zerfallende Liebe ging es im Akademiekonzert des Bayerischen Staatsorchesters am Samstag im Nationaltheater. Am Pult stand Thomas Guggeis, seit Saisonbeginn Generalmusikdirektor (GMD) an der Frankfurter Oper. Er spannte den Bogen von der frühen Romantik Mendelssohn Bartholdys über Wagner-Verehrer Ernest Chausson bis ins Fin de Siècle zu Alexander Zemlinsky.
Höchst kontrastreich erstanden in Mendelssohns Ouvertüre „Melusine“ das Wasserwesen – von den Holzbläsern mit sanften Wellen umspült – und der rhythmisch herrisch auftretende Menschenprinz, wobei sich der Dirigent von Letzterem wohl etwas anstecken ließ: Er dirigierte mit oft hektischen, großen, zackigen Bewegungen und viel Körpereinsatz, was (optische) Unruhe schuf. Vielleicht zehrte das „Heimspiel“ – der 32-Jährige stammt aus Dachau – doch an seinen Nerven.
Aus dem wunderbar farbsatten Orchesterstrom in Ernest Chaussons „Poème de l’amour e de la mer“ erhob sich der leuchtkräftige Mezzo von Aigul Akhmetshina. Wohl phrasiert führte sie ihre Stimme bis in leichte Höhen, punktete mit einem reichen Farbspektrum und großer Intensität, wobei sich bereits im Fliederduft des Beginns der Abschied ankündigte.
Nach dem Zwischenspiel mit „tonangebendem“ Fagott, folgte der tragische Abgesang, dem das Solo-Cello beipflichtete. Insgesamt steuerte das Orchester mit Bläsern und Harfe viel Stimmungsdichte bei.
Alexander Zemlinsky (1871 – 1942) komponierte seine Fantasie über Andersens „Kleine Seejungfrau“, nachdem Alma Schindler (später Mahler-Werfel) ihn verlassen hatte. Aus dem dunklen Meeresgrund, in dem selbst die Harfen düster tönen, lässt er die Seejungfrau als zartes Violin-Solo emporsteigen. Immer wieder meldet sie sich, aber rundherum steigert sich der Orchesterklang ins Dramatische, zuweilen sogar Schrille.
Der Frankfurter Generalmusikdirektor Thomas Guggeis lenkte das üppig besetzte Staatsorchester durch das Auf und Ab der drei Sätze und wahrte dabei trotz aller Opulenz die Durchsichtigkeit, ließ Raum für wunderbare Soli von Bassklarinette, Englischhorn oder Cello.
Großer Applaus.
GABRIELE LUSTER