Oh nee, Klischee

von Redaktion

Anika Deckers neuer Roman

Nein, wir wollen jetzt nicht wieder mit einem gewissen Herrn Til Schweiger beginnen. Und müssen’s doch. Weil Anika Decker in ihrem neuen Buch mit dem aussagekräftigen Titel „Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben“ ein bisschen auch ihre eigene Geschichte verarbeitet. Anika Decker ist, für alle, denen der Name nicht allzuviel sagt, die Frau hinter „Keinohrhasen“ (2007). Einem der erfolgreichsten deutschen Filme aller Zeiten. Doch ins Rampenlicht geriet die Drehbuchautorin Anika Decker erst so richtig, als sie Warner Bros. und Schweigers Produktionsfirma Barefoot verklagte. Weil sie für das „Keinohrhasen“- Drehbuch damals nur 50 000 Euro erhalten hatte. Die Komödie spielte übrigens rund 70 Millionen Euro im Kino ein.

Anika Decker kennt die Filmbranche also in guten wie in schlechten Zeiten. Längst hat sie sich als Regisseurin mit Filmen wie „Traumfrauen“ (2015) oder „Liebesdings“ (2022) einen Namen gemacht. Vor fünf Jahren beeindruckte sie außerdem mit ihrem Romandebüt: Das anrührende „Wir von der anderen Seite“ war ein Mutmachbuch für Menschen, die schwer erkrankt sind. Große Erwartungen entstehen also vor dem Lesen ihres neuen Romans. Die werden – leider – ganz und gar enttäuscht.

Wieder steht hier eine Frau im Zentrum der Geschichte. Nina ist Ende 40, hadert (natürlich) mit ihrem Alter, ihrem Verhältnis zu ihrer Mutter, der Schwester – und verliebt sich dann noch in einen 20 Jahre jüngeren Mann. „Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben“ erzählt in kurzen Kapiteln abwechselnd aus Ninas Perspektive und aus der ihrer Schwester Lena. Leider ist gerade Letztere so unsympathisch gezeichnet, von Selbstzweifeln und Unsicherheit zerfressen, dass Empathie für sie schwerfällt. Lena will gut ankommen bei den hübschen reichen Influencer-Ladys in der Villengegend von Grunewald; beneidet gleichzeitig Nina für deren Unabhängigkeit. Die hat jedoch Grunewald samt reichem Ex nämlich den Rücken gekehrt. Kämpft in der Filmproduktionsfirma, in der sie arbeitet, gegen Machtmissbrauch und #Metoo. Das ist leider alles dermaßen erwartbar, seifenoperesk und klischeehaft überzeichnet, dass man recht schnell die Lust verliert. Zu schade.
KATJA KRAFT

Anika Decker:

„Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben“. dtv Verlag, München, 464 Seiten; 23 Euro.

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