„Ich bin ein Baby Harnoncourts“

von Redaktion

Zum 70. Geburtstag schenkt Simon Rattle sich und dem BR ein Orchester

Am kommenden Sonntag feiert er seinen 70. Geburtstag: Sir Simon Rattle gründet beim BR ein Barockorchester. Erstes Konzert ist am 9. Februar. © Astrid Ackermann

Ein Geschenk, na klar. Am besten eines, das man sich selbst macht und dem Publikum noch dazu. Sir Simon Rattle feiert an diesem Sonntag seinen 70. Geburtstag und gründet mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO) ein neues Ensemble. Der Titel: BRSO hip. Und der ist doppeldeutig. Einerseits will man angesagt und modern sein, andererseits ist es die Abkürzung für „historically informed Performance“, für die historisch informierte Aufführungspraxis also. Die Mitglieder spielen auf historischen Instrumenten, Rattle leitet das Gründungskonzert am Vormittag des 9. Februar mit drei Bach-Kantaten.

Warum eigentlich die Abkürzung „hip“? Historisch informiert ist doch längst der Normalfall.

Für ein Symphonieorchester bedeutet dies schon etwas Neues. Die Opernhäuser waren da viel aktiver. Meines Wissens werden wir das erste große Ensemble sein mit einer solchen Spezialformation. Schauen wir auf die Siebzigerjahre: Ich bin musikalisch aufgewachsen in einer Zeit, als Karajan Bachs h-Moll-Messe in riesiger Besetzung dirigierte – mit vier Cembali. Es war auch eine Zeit, in der den Symphonieorchestern dieses Repertoire verloren ging.

Haben Karajan und seine Kollegen in Sachen Barock und Wiener Klassik damals alles falsch gemacht?

Ich weiß nicht, ob richtig oder falsch die richtigen Kategorien sind. Die Welt hat sich verändert seitdem, auch die Art, wie wir Musik und ihre Interpretation empfinden. Ich glaube, Nikolaus Harnoncourt hat gesagt, manchmal sitzt man in einem Boot und weiß nicht, ob sich das Boot oder die Küste bewegt. Irgendwann kommt man an den Punkt, wo man es nicht mehr zurück zur Küste schafft. Als Kind habe ich die Münchner Bach-Interpretationen von Karl Richter gehört. Heute kann das sehr hart sein – und trotzdem empfindet man unglaublichen Respekt vor der damaligen Leistung. Ich habe als Teenager viel Cembalo gespielt und kam später an der Royal Academy of Music in Kontakt mit dem Musiker und Musikforscher David Munrow, ein Experte für alte Instrumente. So hat sich das bei mir entwickelt.

Jahrzehntelang war München von der historisch informierten Aufführungspraxis wie abgekoppelt.

Das ist wirklich seltsam. Es liegt wohl an Richter und seinem Erbe. Als ich zum BRSO kam, wurde mir noch einmal bewusst, welch große Tradition es im Bereich der Neuen Musik durch die Musica Viva gibt. Ich dachte mir: Was könnte den Horizont des Ensembles erweitern? Es gibt hier schon eine kleine Gruppe von Alte-Musik-Experten und damit eine virtuose Fähigkeit für diese Interpretationen. Ich denke immer an Ernest Fleischmann, den früheren Manager des Los Angeles Philharmonic. Er verstand ein Orchester als Gemeinschaft von Musikerinnen und Musikern mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen. Nur dadurch könne ein Ensemble wachsen. Nichts anderes schwebt uns vor.

Wird sich der Klang des BRSO ändern durch die neue Formation und die neuen Erfahrungen?

Letztlich ja. Es tun sich mehr Möglichkeiten auf. Wie wir Bach spielen, wird unseren Bruckner beeinflussen und umgekehrt. Das alles ist aber ein langer Prozess, und wir sind erst am Anfang. In den vergangenen eineinhalb Jahren haben wir mit der neuen Formation ein Privatkonzert gespielt, es gab auch Meisterklassen. Kati Debretzeni, die Konzertmeisterin von John Eliot Gardiner, war zum Beispiel für einige Tage da. Ich stelle eine große Offenheit fest. Einige Musikerinnen und Musiker auf Solo-Positionen hatten noch nie historische Instrumenten benutzt – und spielten sie wunderbar. Man konnte sehen, wie viel Freude sie daran hatten.

Welche Unterschiede stellen Sie fest in der historisch informierten Praxis zwischen Großbritannien, den Benelux-Ländern und Harnoncourts Österreich?

Ich bin ein Harnoncourt-Baby. Aber auch eines von David Munrow. Es ist doch eine interessante Sache: In einer Zeit, in der moderne Orchester immer ähnlicher klingen, verhält sich das mit den Alte-Musik-Formationen völlig anders. Von Anfang an wurde in diesen Ensembles unglaublich viel diskutiert. Bei Frans Brüggen sprachen alle über Diminuendo und Abphrasieren, bei Ton Koopman über Crescendo und das klangliche Wachsen, bei Nikolaus Harnoncourt über Agogik. In den verschiedenen Ländern hatte also Interpretation stark mit den Charakteren dieser Musiker zu tun. Und bei den Interpretationen des Venezianers Andrea Marcon, der am 16. März das zweite Programm mit unserem hip-Orchester leitet, spüre ich Wasser unter mir. Ich mag das sehr.

Teilweise hat sich die historisch informierte Praxis doch auch zur vegetarischen Praxis entwickelt. Dabei braucht es doch bei diesen Komponisten Fleisch und Muskeln, man schaue sich nur barocke Gemälde an.

Sie haben vollkommen Recht! Das waren damals doch Vollblutkomponisten! Ich habe Mozart immer geliebt. Aber ich konnte früher das, was ich in den Noten sah, nicht mit dem zusammenbringen, was ich normalerweise hörte. Es wirkte immer wie ein wunderbar bemaltes, filigranes chinesisches Ei. Und dann dachte ich immer: Vielleicht liege ich falsch und sollte eher Haydn dirigieren. Ein Gespräch in Glyndebourne hat dann mein Leben verändert. Bernard Haitink sagte: „Simon, wir wollen Mozarts ,Idomeneo‘ aufführen. Es wäre schön, wenn du ihn im zweiten Jahr dirigierst.“ Und ich: „Bernard, das ist wunderbar, aber ist das nicht ein schrecklich langweiliges Stück?“ Darauf er: „Simon, das ist dumm. ,Idomeneo‘ ist doch eine Musiker-Oper. Tu‘ mir den Gefallen, besorge dir eine Partitur und höre dir Harnoncourts Aufnahme an.“ Ich gehorchte und wurde wie von einem Unwetter geschüttelt.

Ihr Kollege, der Barockexperte Philippe Herreweghe erzählt immer, dass die historisch informierte Praxis früher auch eine politische Komponente hatte – in der Opposition zum Establishment. Er ließ zum Beispiel in einer Aufführung der Johannes-Passion zwischen beiden Teilen Politisches verlesen.

Anfangs waren diese Interpretationen riskant, heute sind sie eine der bestbezahlten Dinge. Früher bedeuteten sie wirklich auch Kampf. Es war aber etwas Politisches in positiver Hinsicht. Man wollte eine andere Art der Wahrheit finden. Was ja nicht bedeutet, dass vorher alles falsch war. Harnoncourt sagte immer, entscheidend ist nicht, wie die Noten aussehen, sondern was sie meinen. Und das ist einfach ein anderes Denken.

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