Gerade 100 geworden: Eugen Gomringer. © N. Armer/dpa
Bedeutender Lyriker, Mitbegründer der Konkreten Poesie, Hochschullehrer – aber auch eben einer, der sich nicht festlegen lässt auf eine Schublade: Eugen Gomringer ist gerade 100 Jahre alt geworden. Und Rehau, die oberfränkische Stadt, in der er lange gelebt und gewirkt hat, widmet dem Jubilar eine große Ausstellung. 100 Exponate zeigt die Stadt zum 100. Geburtstag – Bilder, Bücher und Gedichte aus der „Sammlung Gomringer III“. Die Schau beweist, dass Gomringers künstlerisches Wirken und sein Einfluss weit mehr umfassen als seine Lyrik.
Eugen Gomringer kam 1925 in Bolivien zur Welt, er wuchs aber in der Schweiz, der Heimat seines Vaters, auf. Sein erster Gedichtband erschien 1953 – dreisprachig: „konstellationen constellations constelaciones“. Vor fünf Jahren kurz vor seinem 95. Geburtstag sagte Gomringer über seine damaligen Arbeiten: „Ich habe mir gedacht: Man müsste doch auch mit Worten so einfache Werke schaffen können.“ Konkrete Kunst sei für ihn damals das ästhetische Kapitel einer neuen literarischen Weltbewegung gewesen.
Gomringer hatte keine Berührungsängste mit der Wirtschaft, der Posten des Kulturbeauftragten des Selber Porzellanherstellers Rosenthal führte die Familie nach Oberfranken. Von 1977 bis 1990 lehrte er als Professor für Theorie der Ästhetik in Düsseldorf. Sein bekanntestes Gedicht „avenidas“ stand lange an einer Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin, bis Studentinnen die Zeilen als diskriminierend auffassten. Denn im letzten Satz heißt es übersetzt: „Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer“. Damit würden Frauen, so die Kritikerinnen, zum Objekt männlicher Bewunderung degradiert. In Rehau sah man das anders – seit 2018 ist das Gedicht dort an einer Hauswand zu lesen.
KATHRIN ZEILMANN