Der radikal Werktreue

von Redaktion

Regie-Legende im dritten Frühling: Zum 80. Geburtstag von Peter Konwitschny

„Für deutsches Volk und deutsches Reich“: Szene aus dem legendären Hamburger Schulklassen-„Lohengrin“. © Declair

Münchner Longseller: Der „Parsifal“ (hier John Keyes) kam 1995 heraus und wurde erst 2018 abgelöst. © Anne Kirchbach

Großes Kind und Pessimist: Wie kaum ein anderer verbindet Peter Konwitschny in seinen Arbeiten Sinn und Sinnlichkeit. © imago stock

Von „deutsch“ und „wahr“ und „echt“ fabuliert gerade Hans Sachs, da wird sein Finalmonolog unterbrochen. „Weißt du eigentlich, was du da singst?“, erkundigt sich ein Solistenkollege, natürlich steht das nicht bei Wagner. Auf die Antwort entspinnt sich ein Wortwechsel, und die Hamburgische Staatsoper hatte 2002 ihr Skandälchen in der „Meistersinger“-Premiere. Immer wieder kam das bei Peter Konwitschny vor. Als Ottavio seine Arie im „Don Giovanni“ an der Komischen Oper Berlin unterbrach, um einen Mozart-Brief zu rezitieren. Oder als eine Explosion vom Band das Münchner Nationaltheater erschütterte, worauf die letzten Takte des „Fliegenden Holländers“ nur aus der Konserve kamen. Ein Stück-Crasher schaffte es sogar in die „Tagesthemen“: Als bei Verdis „Don Carlos“ in Hamburg König Philipp II. draußen auf dem Gänsemarkt in der Limousine zur Ketzer-Verbrennung vorfuhr, um mit dem Publikum anzustoßen.

Dabei sind das alles nur letzte Mittel für Konwitschny, Eisberggipfel seiner mirakulösen Inszenierungen. Theatercoups, die für manchen den Rest-Abend überstrahlen – oder eben versauen. Doch so sehr sich auch die Orthodoxen im Publikum winden und giften: Ein solcher Wahrheitssucher, ein solch bedingungslos Opernliebender ist singulär in den vergangenen fünf Jahrzehnten Inszenierungsgeschichte. Ein radikal Werktreuer eben. An diesem Dienstag feiert Konwitschny seinen 80. Geburtstag, gerade erlebt er so etwas wie den dritten Künstlerfrühling.

Kürzlich hat er Tokio aufgemischt mit der „Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss, an der Oper Dortmund wird er im Mai den „Ring des Nibelungen“ vollenden. Besonders bei dieser Wagner-Sause, die andernorts Thesenkrämpfe provoziert, hat Konwitschny zur wundersamen Balance aus Inhalt, Witz und Provokation gefunden. Und dies bei höchster szenischer Ökonomie. Manchmal, wie im letzten Bild des „Siegfried“, sind nur noch zwei Figuren auf leerer Bühne. Der Mensch und sein (oft gestörtes) Miteinander, ein Lebensthema Konwitschnys, das hier als hohe Schule der Regie vorgeführt wird. Und dass der Jungaltmeister zur „Ring“-Komplettierung Ende Mai seine 25 Jahre alte Stuttgarter „Götterdämmerung“ in Dortmund reanimiert, ist ein Zeichen der anderen Art: Modisch waren Konwitschnys Arbeiten so gut wie nie, sondern zeitlos – man nehme nur seinen Münchner Wagner-Longseller, den „Parsifal“.

Zweierlei ist Konwitschny über die Jahre geblieben: ein großes Kind und ein mindestens ebenso großer Pessimist. Was ihn nicht daran hindert, in bester Dialektik gegen die Verhältnisse anzurennen. Der verheerende Triumph des Kapitalismus (nicht nur in den USA), der Vormarsch der rechten Oligarchen, all das bestätigt ihn nur. Unterhaltungstheater ist ihm ein Gräuel. Wer das wolle, so empfiehlt er, solle doch besser RTL II einschalten. „Je weniger Perspektive die Menschen haben, desto mehr Kulinarik wird produziert“, kritisierte er einmal im persönlichen Gespräch. „Schöne Bühne, schöne Kostüme – doch wie wär’s mal mit einer schönen Inhaltlichkeit?“

Das Geheimnis seines Erfolgs: Alle Thesen werden dem Publikum auf eine sehr sinnliche Weise untergejubelt. Konwitschny bleibt Theater-Erotiker. Nicht nur, weil er Beziehungsprobleme hellsichtig und hintergründig auf die Bühne bringen kann: Der Mann, das hat er selbst nie bestritten, lebt künstlerisch auch von seinen (Frauen-)Geschichten.

Peter Konwitschny, Sohn des berühmten Dirigenten Franz Konwitschny, kam zwar am 21. Januar 1945 in Frankfurt am Main zur Welt, wuchs aber in Leipzig auf. Initialzündung für seine Karriere war Webers „Freischütz“ 1983 in Altenburg. Nach dem Fall der Mauer stand ihm der Westen offen. Sein „Parsifal“ 1995 an der Bayerischen Staatsoper, in dem er die verklemmte, gefährlich unterdrückte Erotik einer heuchelnden Gralsgesellschaft bebilderte, machte ihn international bekannt. Später, bei Wagners „Tristan und Isolde“, lieferte er sich in München Probenkämpfe mit Waltraud Meier. Die Hamburgische Staatsoper wurde zwischendurch zum Heimathaus. Legendär wurde dort vor allem der „Lohengrin“, den er in einer Schulklasse spielen ließ, um in alter Brecht‘scher Verfremdungstechnik alle Charaktere zu entblößen.

Irgendwann dann der Einbruch. Konwitschny wirkte ausgezehrt, nur noch um seine Theatermittel kreisend. Depressionen kamen dazu, eine Zeitlang betreute er nur Koproduktionen seiner schon laufenden Inszenierungen und konnte nach eigenen Angaben kaum mehr vor ein Kollektiv treten. Als Chefregisseur an der Oper Leipzig scheiterte er – nur um sich langsam wieder zurückzukämpfen. 2013 entlarvte er in WIen Verdis „Attila“ als Lachnummer einer Macho-Soldateska, da kehrte seine alte Form wieder.

Bei hochabstrakten bis handlungslosen Stücken (Rihms „Eroberung von Mexico“ in Salzburg oder Zimmermans „Soldaten“ in Nürnberg) findet Konwitschny erst recht zu singulärer Klasse: weil er seine Versinnlichung, seine Bilderwelten aus der Musik heraus entwickelt. „Die Schauspielregisseure haben ein Problem: Sie machen meist die Rechnung ohne den Wirt, nämlich ohne die Musik“, sagt er. Keine Arroganz, sondern leider Fakt. Und dass er sich noch immer in den Regiestuhl setzt, geschieht aus Lust, Überzeugung und Protest. Es gebe da eben sein eigenes Leben „und den Willen, gegen die allgemeine Entwicklung Laut zu geben. Bevor ich tot bin, will ich nicht tot sein.“
MARKUS THIEL

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