Für Herz und Verstand

von Redaktion

Zwei Wiederauflagen erinnern an Mascha Kaléko, die heute vor 50 Jahren starb

Ihr Werk vereint Klugheit und Bescheidenheit, Melancholie und Witz: Mascha Kaléko starb heute vor 50 Jahren. © Ullstein

Zwei Seelen zeige sie, die Dichterin, in ihrem Gesicht. So Mascha Kaléko in ihrem 1958 der Sammlung „Verse für Zeitgenossen“ vorangestellten „Januskript“. „Denn, was einst war, das stimmt uns meistens lyrisch, / Doch das, was ist, zum großen Teil satirisch.“ Dies lässt sich der Rowohlt-Verlag nicht zweimal sagen und druckt zum heutigen 50. Todestag je ein lyrisch-satirisches Halbporträt Kalékos auf die zwei feurigen Cover der Taschenbuch-Neuausgaben. Und um es gleich vorwegzunehmen: Nicht nur wegen des vollkommenen Gesichtsausdrucks gehören diese beiden schmalen Bändchen in jedes mit lebendiger Literatur gefüllte Wohnzimmerregal.

Am 7. Juni 1907 als Golda Malka Aufen in Chrzanów, Galizien geboren, kommt Mascha Kaléko mit sieben Jahren nach Deutschland, seit 1918 wohnt sie in Berlin, wo sie zu schreiben beginnt und 1930 für die Tagespresse entdeckt wird. Ihre Gedichte erscheinen in der „Vossischen Zeitung“ und im „Berliner Tageblatt“; 1933 verlegt der Rowohlt-Verlag zum ersten Mal „Das lyrische Stenogrammheft“, 1934 folgt ihr „Kleines Lesebuch für Große“.

Mascha Kalékos Blick richtet sich darin in die Berliner Hinterhöfe der Weimarer Republik. Die kecke Sekretärin im Büro und der müde Großstadtmensch bei Feierabend, unbeschwerte Ausflüge und verwelkte Träume, das letzte Geld und die möblierte Bleibe, in die niemand mitkann. „Ich sitz in meinem Stammcafé / Es ist schon spät. Ich gähne … / Ich habe Sehnsucht nach René / Und außerdem Migräne.“ Kalékos Versen sitzt der Schalk im Nacken, doch hinter ihm lauert stets die Wehmut. Charmant und leichtfüßig geht sie neben sich spazieren, bannt das Soziale, Gesellschaftliche, Alltägliche in treffsicheren Momentaufnahmen. Episoden der Zweisamkeit rahmt sie in wunderbarste Liebespoesie – prompt gefolgt von der Vorwegnahme des Endes, Abschieds, des Alleinseins an „blassen Tagen“, im Regen wartend auf das Glück.

Von den Nationalsozialisten verboten, emigriert die Dichterin 1938 mit ihrer Familie in die USA, Fernweh weicht Heimweh, Neugier Nachdenklichkeit. Und doch bleibt da diese sanftmütige (Selbst-)Ironie, sogar in ihren Gebeten: „Wir haben keinen Freund auf dieser Welt. / Nur Gott. Den haben sie mit uns vertrieben.“ Schreibt sie auf der Überfahrt, und: „Wie peinlich, einem Engelschor zu lauschen, / Da Kinderweinen durch die Lande gellt. / Weißgott, ich möcht um alles in der Welt / Nicht mit dem Lieben Gott im Himmel tauschen.“

Nach dem Krieg feiert Kalékos Werk Wiederauflagen bei Rowohlt. Doch Chemjo Vinaver zuliebe lässt sich die Familie nicht in Berlin, sondern in Jerusalem nieder. „Was wird am Ende von mir übrigbleiben?“, beginnt ein Gedicht. „Drei schmale Bände und ein einzig Kind …“ Tragischerweise wird Mascha ihren „kleinen Emigranten“ Steven überleben. 1975 stirbt auch sie, ein gutes Jahr nach ihrem Ehemann. Übrig aber bleibt ein Werk, das mit Klugheit wie Bescheidenheit, Witz wie Melancholie Herz und Verstand gleichermaßen berührt.
TERESA GRENZMANN

Mascha Kaléko:

„Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Lesebuch für Große“ und „Verse für Zeitgenossen“.
Rowohlt, Berlin, je 13 Euro.

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