Inneren Konflikten auf der Spur

von Redaktion

Das Münchner Rundfunkorchester mit de Grandvals „Mazeppa“ im Prinzregententheater

Für das Münchner Rundfunkorchester und den Palazzetto Bru Zane markierte das jüngste Sonntagskonzert eine Art kleines Jubiläum. Zehn Jahre ist es tatsächlich schon her, dass man sich erstmals gemeinsam einem vergessenen Werk der französischen Romantik zuwandte. Und bei der mittlerweile zehnten Kooperation stand nun im Prinzregententheater erstmals eine Komponistin im Fokus. Clémence de Grandval, deren Musik von ihrem Lehrer Camille Saint-Saëns in einem Atemzug mit Gounod und Massenet genannt wurde. Ein Urteil, das sich getrost unterschreiben lässt.

Zu spüren war dies bereits in den Lied- und Kammermusik-Kostproben, die der Palazzetto in seine verdienstvolle, acht CDs umfassende Anthologie mit Werken französischer Komponistinnen aufgenommen hatte. Doch ihre fünfaktige Grand Opera „Mazeppa“ aus dem Jahr 1892 zeigt nun, dass sich Grandval sehr wohl auch im großen Format überaus effektvoll auszudrücken und den Geschmack ihrer Zeit zu bedienen vermochte. Das unterstreicht Dirigent Mihhail Gert in den dynamischen Balletteinlagen ebenso wie bei den wuchtigen Volksszenen, in denen der BR-Chor ordentlich mit den Säbeln rasseln darf.

Einer nachhaltigen Rückkehr ins Repertoire könnte allerdings das Textbuch von Charles Grandmougin und Georges Hartmann ein Bein stellen. Denn natürlich kommt man nicht umhin, den französischen „Mazeppa“ mit der gleichnamigen Oper Tschaikowskys zu vergleichen, bei dem acht Jahre zuvor die politischen Aspekte hinter der Dreiecksgeschichte stärker herausgearbeitet wurden. Wobei die üblichen Konstellationen von Grandval zumindest dadurch aufgemischt werden, dass hier zur Abwechslung einmal der Tenor den eifersüchtigen Intriganten gibt, der das Glück des zentralen Paares torpediert. Eine Aufgabe, die Julien Dran sichtlich genießt.

Herzstück der Partitur bleiben dennoch die inneren Konflikte, die Mazeppa und Matréna auszufechten haben. Tassis Christoyannis verleiht dem ukrainischen Volkshelden dabei mit seinem warmen Bariton Würde und Autorität, darf aber gerade in seiner Arie zu Beginn des dritten Aktes auch sanftere Töne anschlagen. Ebenso wie Nicole Car, deren goldglänzender Sopran mühelos über den großen Ensembles zu schweben scheint. Und das, obwohl mit Ante Jerkunica und Paweł Trojak auch in den tieferen Regionen zwei raumfüllende Stimmen aufgeboten sind, die von der Komponistin mit dankbaren Aufgaben bedacht wurden. Und sind wir ehrlich, mit der richtigen Besetzung, haben schon ganz andere Opern ein löcheriges Libretto überlebt.
TOBIAS HELL

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