Man hört die Wellen förmlich ans Ufer klatschen: Lovis Corinths „Paddel-Petermannchen“ (1902). © Allitera Verlag
Raus in die Natur: auch die „Malweiber“ der Künstlerkolonie Dachau liebten die Freiluftmalerei. Wie hier 1910. © Allitera
Liebt und pflegt die Heimat: Norbert Göttler. Von 2012 bis 2023 war er Bezirksheimatpfleger in Oberbayern. © ms
War lange ein Zufluchtsort für Künstler: das Hotel Kranzbach in Krün (Landkreis Garmisch-Partenkirchen). © PETER KORNATZ
Da legst di nieder: Franz Marcs „Zwei Frauen am Berg“ entstand 1906. © Franz Marc/Allitera Verlag München
Es ist eine Landschaft, in die man am liebsten den Pinsel eintunken würde. Und was für ein Geschenk: Sie liegt direkt um uns herum. Mutter Natur hat schon ganz schön geklotzt in Oberbayern. Kein Wunder also, dass etliche Künstlerinnen und Künstler sich hier haben zu herrlichsten Landschaftsbildern inspirieren lassen. Man weiß nicht, wie es um das malerische Talent von Norbert Göttler steht – aber wenn man das neue Buch des langjährigen Bezirksheimatpflegers der Region liest, hat man so das Gefühl: Am liebsten würde der Autor selbst zu Staffelei und Leinwand greifen und die Schönheit vor unserer Haustür künstlerisch festhalten.
Ganz so, wie es die Malerinnen und Maler im 19. Jahrhundert taten: Hinaus ins Land zog es sie. Raus aus den durch die zunehmende Industrialisierung immer dreckiger, stickiger, wuseliger und enger werdenden Städten hinein in die freie Natur. Und dann: aufatmen. Den Blick schweifen lassen. Und mit kunstvollen Griffen versuchen, den Moment auf der Leinwand zu fassen. Verweile doch, du bist so schön.
20 Künstlerorte im weiteren Umkreis von München hat Norbert Göttler im reich bebilderten Buch „Malerluft und Malerlust“ ausgewählt – und erzählt anhand ihrer Kunstgeschichte. Auch jene Kapitel, die selbst denen, die häufig im Fünf-(Mu)seen-Land unterwegs sind, bisher unbekannt waren.
Beispielsweise erfährt man, dass sich der Tourismusverband des Tegernseer Landes eigentlich bei den Wittelsbachern bedanken müsste: Denn im Auftrag des Hofes schufen Künstler wie Johann Jakob von Dorner, Simon Warnberger und Carl Conjola Bilder, die „Bayerns schönste Gegenden“ porträtierten. Gerade war die Tegernseebahn gebaut worden – und so wie sich heute an jedem Samstag und Sonntag die Blechlawinen über die Salzburger Autobahn gen Bergkulisse schieben, zog es Ende des 19. Jahrhunderts die Künstlerinnen und Künstler an den See vor ihrer Haustüre. Franz von Defregger (1835-1921) etwa malte 1875 sein berühmtes Gemälde „Der Besuch“. „Seine Volksstudien haben das Bild der alpenländischen Bewohner im 19. Jahrhundert eindrücklich geprägt“, schreibt Göttler.
Er widmet sich jedoch auch den Menschen hinter den Bildern. Mary I. Isabel Portman beispielsweise – einer Lady, deren Namen Menschen, die gern unter besonders angenehmen Bedingungen Ferien machen, kennen könnten. Portman ließ 1913 in der wildromantischen Landschaft um Karwendel und Wettersteingebirge ein Schloss erbauen, in dem heute das Fünf-SterneHotel Das Kranzbach Gästen aus aller Welt Auszeit von eben dieser bietet. „,Schloss Kranzbach‘ oder das ,Englische Schloss‘, wie es auch bald genannt wurde, sollte zu einem Treffpunkt für Maler, Schriftsteller und Musiker aus aller Welt werden.“ Doch es blieb, so beschreibt es Göttler, bei den ambitionierten Plänen – der Ausbruch des Ersten Weltkriegs machte dem Projekt inklusive Konzerthalle, Bühne und Bildergalerie, das von zwei führenden Vertretern der englischen Arts-and-Crafts-Bewegung entworfen worden war, ein Ende. Über viele Jahre wurde das Schloss zur Herberge für Künstler, die für ihren Aufenthalt mit Bildern bezahlten. Einige davon hängen heute an den Wänden des Hotels. Spürbar durchzogen von Malerluft – und Malerlust.
KATJA KRAFT
Norbert Göttler:
„Malerluft und Malerlust.
Künstlerorte in Oberbayern“. Allitera Verlag, München,
212 Seiten; 24 Euro.