UNSERE KURZKRITIKEN

Der ganze pubertäre Stalinismus

von Redaktion

„Ich war ein junger Mann, der aus einer Laune heraus beschlossen hatte, eine klassenkämpferische Miene und schwarze Lederkleidung für Maske und Kostüm zu halten, die im Karneval der Geschlechter anziehend wirkten.“ Ja, so war das in den Siebzigern. Man hatte eine hohe Meinung von sich, extreme Wünsche, große Ansprüche, schmiss mit den Namen Marx, Engels, Lassalle nur so um sich, faselte von kommunistischen Zellen und dem ganzen pubertären Stalinismus, „der damals Mode war“. Der Ich-Erzähler von „Die Verdorbenen“, dem neuen Roman von Michael Köhlmeier, schaut als arrivierter Rundfunk-Autor zurück auf seine Studentenzeit, die etwas an sich hat von der Menschwerdung eines Provinzjünglings. An seiner Seite ein skurriles Paar – ein Demuts-Idiot und eine Frustrationszicke ohne Scham, mit Emanzenstolz und Liebesqual. Nach Jahrzehnten stiftet der Zufall eine Wiederbegegnung. Hier spricht ein Autor aus Erfahrung: ehrlich, klug, spannend, aberwitzig.
LTZ

Michael Köhlmeier:

„Die Verdorbenen“. Carl Hanser Verlag, 158 Seiten. 23 Euro.


★★★★☆ Lesenswert

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