„Wir alle haben die Wahl, Demokratie zu wählen“: Ehrenpreisträgerin Uschi Glas. © Hörhager
Gewinner des Hauptpreises: Der Schweizer Regisseur Tim Fehlbaum holte mit „September 5“ die Auszeichnung für den besten Film. © Felix Hörhager/dpa
Dankte dem Sendlinger Tor Kino, das nach 120 Jahre schließen musste: Aaron Arens. © Felix Hörhager/dpa
„In der jetzigen Situation auf die Idee zu kommen, an Kultur zu sparen – das ist mit dem Feuer spielen“. Auch die Regisseure Moritz Riesewieck (li.) und Hans Block äußerten sich politisch. © Felix Hörhager/dpa
„Ich wünsche mir, dass Politik aufhört mit populistischer Rhetorik, die spaltet und extrem gefährlich ist“: Klare Worte fand Jella Haase. © Roman BABIRAD
Erinnerte an ihre Eltern, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen: Regisseurin Ayse Polat. © Felix Hörhager/dpa
Führte schwungvoll durch die Gala: Moderatorin Sandra Rieß. © Felix Hörhager/dpa
„Endlich mal ein alter, sehr weißer Mann, über den man sich uneingeschränkt freuen kann.“ Christoph Maria Herbst freut sich über den Pierrot. © Felix Hörhager/dpa
Und jetzt gehen wir alle in die ARD-Mediathek und schauen uns noch einmal die Dankesrede von Jella Haase an. Ungefähr bei Minute 50 der Verleihung des Bayerischen Filmpreises am Freitagabend im Münchner Prinzregententheater. Die 32-Jährige wird als beste Darstellerin für ihren Auftritt in „Chantal im Märchenland“ ausgezeichnet. Haase dankt ihrer „Constantin-Familie, dass Ihr Chantal den roten Teppich in die Märchenwelt ausgerollt habt“. Doch: „Die echte Welt ist leider keine Märchenwelt.“ Eindringlich spricht sich die Ausgezeichnete in ihrer Dankesrede aus „für Offenheit, Humor, Bedachtheit und Fröhlichkeit, liebevollen und respektvollen Umgang. Ich wünsche mir, dass Deutschland aufwacht. Ich wünsche mir, dass Politik aufhört mit populistischer Rhetorik, die spaltet und extrem gefährlich ist.“ Und betont unter Jubel des Publikums: „Ich wehre mich gegen die Verharmlosung von rechter Gesinnung.“ Ihre Rede beendet sie mit einem Zitat von Hannah Arendt über die NS-Zeit: „Das persönliche Problem war doch nicht, was unsere Feinde taten, sondern, was unsere Freunde taten.“
Die Veranstalter haben überlegt, ob sie so kurz nach der Gewalttat von Aschaffenburg feiern wollen. „Auch an der Filmwelt geht die Realität nicht vorbei“, betonte Moderatorin Sandra Rieß zur Gala-Eröffnung. Spätestens nachdem man Haases Worte gehört hat, ist man dankbar, dass die Staatskanzlei sich dafür entschied. Auch, um den Schreckensnachrichten Positives, Mitmenschlichkeit entgegenzusetzen. Das wird diese Verleihung: eine Feier der Menschlichkeit. Und des Teamplay.
Das zeigt schon der erste Preisträger des Abends. Christoph Maria Herbst ist so vielfältig, dass er gleich für drei Filme als bester Darsteller geehrt wird. Er dankt – Stichwort Teamplay – „all den starken Frauen im Hintergrund, die viel zu selten in den Vordergrund gerückt werden“. Unter anderem seiner Maskenbildnerin: „Die hat auch schon Bernd Stromberg aus mir rausrasiert.“ In drei Wochen ist Drehbeginn für den „Stromberg“-Kinofilm. Die lustige Laudatio auf Herbst hält „Stromberg“-Autor Ralf Husmann. „Ich habe nur zugesagt, weil ich dachte, es geht um Christoph Waltz. Hollywood und so weiter.“ Nee, Hollywood und so weiter kommt später. Bei einem weiteren Höhepunkt des Abends: der Verleihung in der Kategorie „Bester Film“.
Ehe Anfang März die Oscars vergeben werden, bei denen auch Tim Fehlbaum, Moritz Binder und Alex David die Chance auf eine Trophäe für das beste Original-Drehbuch haben, ist München dran. Hier gewinnt der Film „September 5“, der auf einem Buch der drei Männer basiert, in der Königskategorie. Wie berichtet, erzählt Tim Fehlbaum, der hier auch Regie geführt hat, in „September 5“ fesselnd über das Olympia-Attentat 1972.
Und dann lauschen wir auch noch einmal besonders, als Hans Block und Moritz Riesewieck, die Regisseure des Dokumentarfilms „Eternal You“, auf die Bühne kommen. Den Abend wollen die zwei „nicht total verderben“ – ihre Dankesrede aber dennoch für eine wichtige Botschaft nutzen: „Während wir feiern, sind viele Bühnen bedroht von Kürzungen. Wir erleben in diesen Tagen, wie sich Big Tech einem Demagogen anbiedert und die wichtigsten Werte der Gesellschaft über Bord geworfen werden. Gleichzeitig erleben wir, wie KI immer mächtiger wird, Propaganda en masse streut, Social Media flutet.“ In so einer Situation an Kultur zu sparen – „das ist mit dem Feuer spielen“. Bei diesem Satz stampfen alle mit den Füßen, jubeln, erheben sich zu Standing Ovations. Ein deutliches Signal an die politischen Verantwortlichen im Saal.
Da fühlt man es, das Miteinander. Auch Regisseurin Ayse Polat nimmt das auf. Die Gewinnerin der Auszeichnung „Beste Regie“ für „Im toten Winkel“ erinnert an ihre Eltern, die einst als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. „Wie viele andere auch haben sie mit ihrer Arbeit entscheidend zu dem Wohlstand des Landes beigetragen. Dies wurde und wird aber leider sehr schnell vergessen, stattdessen werden diese Menschen zu einem Problem und zu Sündenböcken gemacht. Das haben sie wirklich nicht verdient.“ Selten war eine Preisverleihung so politisch, selten spürte man so viel Gemeinschaft. Dafür werden Filme gemacht.
K. KRAFT