Bisschen cringe

von Redaktion

Das Musical „Sweats“ im Schwere Reiter

Ein Hoch auf die Jogginghose: Sie schillert in „Sweats“ in verschiedenen Farben. © MM

Ja, anscheinend kann man tatsächlich aus fast allem ein Musical machen. So suggeriert es zumindest das Performance-Kollektiv „Traummaschine Inc.“, das im Schwere Reiter aktuell „Sweats – Das Jogginghosen-Musical“ präsentiert. Laut eigener Beschreibung ein „mode-politisches Stück über Klischees und Vorurteile“. Gemeinsam entwickelt mit Schülerinnen und Schülern aus München und Hamburg. Weshalb sich je vier Jugendliche aus diesen Städten selbst zu Wort melden und durch kleine Facetime-Videos digital ins Geschehen eingreifen dürfen.

So weit, so gut. Doch was sich im Konzept nicht unspannend liest, präsentiert sich in der praktischen Umsetzung leider eher als eine beliebige Aneinanderreihung kurzer Episoden, in denen nicht wirklich viel passiert. Unsere Protagonisten sind vier Jogginghosen (englisch: Sweatpants), die zu Beginn aus einem Schrank purzeln und anfangen ihre eigene Identität zu hinterfragen. Bin ich wirklich nur der Inbegriff des Proleten- oder Gammel-Outfits, das von einer bösen Jeans-Clique gemobbt wird? Oder womöglich doch der coole neue Modetrend, dem einfach nur die erhobenen Daumen der Influencer fehlen, um endlich selber Kult zu werden? Welcher Weichspüler hilft gegen diese lästigen Fusseln? Und so weiter …

Vieles davon übersetzt natürlich alltägliche Teenager-Sorgen in den Mode-Jargon. Doch einen roten Faden sucht man vergebens. Und wenn sich das erwachsene Ensemble an Gen-Z-Sprache und Rap-Einlagen versucht, wirkt das – Zitat aus den hinteren Zuschauerreihen – zuweilen auch mal „echt cringe“. Und so lässt in der besuchten Vorstellung bei der jugendlichen Zielgruppe die Aufmerksamkeit ebenso schnell nach, wie das Gemurmel im Saal zunimmt. Mit Ausnahme von zwei begeisterten Headbangern, die von ihren Lehrkräften aber schnell eingebremst werden. Wirkliche Stimmung kommt tatsächlich erst in den letzten zehn Minuten auf. Da nämlich stürmen drei Tänzer die Spielfläche und legen einen schwindelerregenden Breakdance-Battle hin, bei dem jeder akrobatische Flip, Freeze oder Spin von begeistertem Gejohle begleitet wird.

Dank dieses dynamischen Trios wird die Produktion auf der Zielgeraden dann endlich doch noch authentisch und macht auf einmal sogar richtig Spaß. Und der sollte beim Erstkontakt mit dem Medium Theater an vorderster Stelle stehen. Zumindest, wenn man möchte, dass das Publikum von morgen mal wieder vorbeischaut.
TOBIAS HELL

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