Selbstporträt: Felix Nussbaum (1904-1944). © akg-images
Auf ihrer „Traumreise“ begegnen Pit und Peggs auch einer Giraffe. Doch wo sind deren Flecken? © WDR/Maus
Endlich unterwegs: Die „Sendung mit der Maus“ hat dafür gesorgt, dass Felix Nussbaums Trickfilm-Idee mit Pit und Peggs realisiert wird. © WDR/Maus
Es gibt Träume, die werden in einer Nacht wahr. Bei anderen wiederum dauert es Jahrzehnte, bis sie Realität werden können. Beides trifft zu auf die „Traumreise“ von Pit und Peggs, jenen zwei Figuren, die der Maler Felix Nussbaum, ein wichtiger Vertreter der Neuen Sachlichkeit, in den Dreißigerjahren ersonnen hat.
Die Geschichte war aus der Not geboren. Der jüdische Künstler, der 1904 in Osnabrück geboren wurde, konnte Nazi-Deutschland 1933 zwar rechtzeitig verlassen; seine Flucht führte ihn über Italien und Frankreich nach Belgien. Als Nussbaum 1937 in Brüssel ankam, plagten ihn wie viele Exilanten Geldsorgen. Er illustrierte etwa Schulbücher, nahm andere Jobs an – und entwickelte gemeinsam mit seinem Freund Michael Loewen das Drehbuch zum Trickfilm mit Pit und Peggs.
Warum das Projekt nie realisiert wurde, lässt sich heute ebenso wenig klären wie die Frage, wie, warum und wohin das Skript in der Folge verschwunden ist. Die Spur der beiden Figuren taucht erst vor einigen Jahren wieder auf: Loewens Witwe entdeckt in den Unterlagen des verstorbenen Autors dessen Text sowie 29 Schwarz-Weiß-Fotografien von Nussbaums Skizzen und Zeichnungen. Sie übergibt das Konvolut ans Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück.
„Pit und Peggs Traumreise“ erzählt ohne Worte von der damals noch neuen Faszination fürs Automobil. Zur Einordnung: 1935 waren rund 441 000 Autos im Deutschen Reich zugelassen – bei rund 69 Millionen Einwohnern. Kein Wunder also, dass auch Pit und Peggs nach einem Ausflug mit einem befreundeten Paar von einem eigenen Auto träumen. Dieser Traum fühlt sich tatsächlich sehr real an: In einem geflügelten Cabrio düsen sie über Berge und durch Täler bis zur Blumenparade nach Nizza. Auf der Reise begegnen sie etwa einer Giraffe, lebendigen Zapfsäulen – und, natürlich, jeder Menge Pflanzen. Welches Ende Loewen für die Geschichte einst erdacht hat, sei hier nicht verraten.
Denn inzwischen kann sich jeder diesen Film anschauen: Die Redaktion der „Sendung mit der Maus“ hat das Drehbuch von Nussbaum und Loewen für die ARD realisiert: „Grundsätzlich wollen wir alles so machen, wie die beiden sich das erträumt und vorgestellt haben“, erklärt Moderatorin Clarissa Corrêa da Silva. „Das ist ja auch eine Frage des Respekts.“
Da damals gerade die ersten Trickfilme von Walt Disney über den Großen Teich in Europas Lichtspielhäuser kamen – und man davon ausgehen kann, dass Nussbaum diese kannte –, haben sich die Animations-Spezialisten, die von der „Maus“-Redaktion beauftragt wurden, nicht nur von den wiederentdeckten Fotos leiten lassen, sondern auch an Disneys Ästhetik orientiert. Eine klare Struktur und Farbgebung, ein feiner Witz, die Freude am Tempo der Inszenierung sowie am lustvollen Wechselspiel zwischen Details und Totalen zeichnen den Fünfminüter aus.
Pit und Peggs leben übrigens in einer Idylle, allein die Sonnenblumen in ihrem Vorgarten sind hoch bis zum ersten Stock ihres schnuckeligen Häuschens gewachsen. Es ist eine Idylle, von der die Juden Europas damals nur träumen können. Felix Nussbaum, der mit seiner Frau in Brüssel untergetaucht ist, wird im Sommer 1944 denunziert und verhaftet. Das Ehepaar wird mit der letzten Deportation vom belgischen Mechelen nach Auschwitz gebracht und dort ermordet.
MICHAEL SCHLEICHER
Sendehinweis:
„Pit und Peggs Traumreise“
ist bis 4. März 2025 in der
ARD-Mediathek abrufbar.