Sehr unkonventionell

von Redaktion

Beim Saalfeldener Jazzfestival sorgen coole Bands für betörende Grooves

Mitreißender Flow: Gard Nilssen, norwegischer Schlagzeuger, lieferte eine Lehrstunde des Jazz. © Michael Geißler

Freie Improvisationen: Laura Jurd ( 2. v. re.) mit ihren Never-Again-Kollegen Tom Herbert, James Kitchman und Corrie Dick (v. li.). © Michael Geißler

Es ist Luxus wie Alleinstellungsmerkmal gleichermaßen – unter den international renommierten Jazzfestivals ist das in Saalfelden im Salzburger Land das einzige, das sich neben dem jährlichen Großevent noch einen kleinen Ableger leistet. Statt dutzenden von Programmpunkten im Sommer gilt es bei „3 Tage Jazz“ nur acht Konzerte zu planen, was umso größere kuratorische Sorgfalt erfordert. Den Auftakt machte in der Stadtpfarrkirche Daniel Erdmanns Velvet Revolution. Der unaufdringlich originelle wie fein ziselierte Kammerjazz im wohl weltweit einzigartigen Zusammenspiel von Tenorsax, Geige und Vibrafon passte hervorragend in den sakralen Raum.

Die meisten Konzerte fanden im Kulturzentrum Nexus statt, im Sommer Schauplatz der Nebenreihe Short Cuts. Alle Ideen, die beim österreichischen Sextett AHL6 durchaus vorhanden waren, verpufften leider in der biederen Steifheit ihrer Umsetzung. Wie man kompositorische Strukturierung und improvisatorische Freiheit, Vehemenz und Zartheit untrennbar miteinander verwebt, zeigte gleich anschließend ein skandinavischer Sechser. Der norwegische Schlagzeuger Gard Nilssen hatte sein langjähriges Trio Acoustic Unity um drei Saxofonisten erweitert und lieferte eine Lehrstunde, wie man Komplexität einen organischen, mitreißenden Flow verleiht.

Enemy zeigten eindrucksvoll, wie frisch auch die mit Abstand häufigste Instrumentenkombination im Jazz (Piano, Kontrabass, Schlagzeug) in den richtigen Händen immer noch klingen kann. Bei der koreanischen Schlagzeugerin Sun-Mi Hong überzeugte, wie detailreich ausgefinkelt sie die Kompositionen für ihr Quintett gestaltete, während das von der englischen Trompeterin Laura Jurd geleitete Quartett Never Again aus freier Improvisation immer wieder zu so betörenden Grooves fand, dass man ihrem Bandnamen heftig widersprechen möchte: Gerne wieder! Jurd sorgte auch im Duo mit dem schwedischen Bassisten Petter Eldh, der bereits maßgeblichen Anteil am Gelingen von Acoustic Unity und Enemy hatte, für eine Sternstunde interaktiver Kommunikation – und das, obwohl beide im Bergbau- und Gotikmuseum Leogang zum ersten Mal überhaupt aufeinandertrafen.

Asja Valcic und Raphael Preuschl dagegen musizieren seit zehn Jahren miteinander, eine routinefreie Vertrautheit, die man ihren intimen Duetten auch anhört. So endete das Festival, wie es begonnen hatte – mit kammermusikalischem Jazz in ungewöhnlicher Instrumentierung, in diesem Fall der Kombi Cello und Bass-Ukulele (!). Aber das Unkonventionelle ist ja, im Sommer wie im Winter, das Markenzeichen von Saalfelden. Dass alle Konzerte im Voraus ausverkauft waren, belegt zudem, dass der „kleine Bruder“, der seinen achten Geburtstag feierte, längst auch ein auf Hörabenteuer neugieriges Publikum gefunden hat.
REINHOLD UNGER

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