„Wenn einer tritt, dann bin ich es“

von Redaktion

Wenn die Willkür regiert: Brechts „Mahagonny“ am Staatstheater Augsburg

Gewissenlose Verbrüderung: Mirko Roschkowski und Sally du Randt in „Mahagonny“. © Jan-Pieter Fuhr

An Bertolt Brecht kommt man in Augsburg nicht vorbei. Und so wurde es natürlich auch irgendwann mal wieder Zeit, seine gemeinsam mit Kurt Weill geschaffene Oper vom „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ zurück ins Repertoire des dortigen Staatstheaters zu holen. Es erscheint beinahe müßig zu erwähnen, wie aktuell sich das fast hundert Jahre alte Stück heute immer noch, oder besser gesagt leider wieder anfühlt. Wenn ein kriminelles Trio seine Stadt gründet, in der die Willkür regiert und ein verurteilter Straftäter sich vor Gericht freikaufen kann. Wenn der Egoismus großgeschrieben wird und das schlimmste Verbrechen darin besteht, kein Geld in der Hosentasche zu haben und andere um Hilfe zu bitten. Ganz nach dem Motto „Wenn einer tritt, dann bin ich es. Und wird einer getreten, dann bist du’s!“

Vor diesem Hintergrund entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass bei dieser bösen Anklage des Kapitalismus hier zur Abwechslung tatsächlich mal die Menschen auf den billigeren Plätzen den besten Überblick haben dürften. Denn Regisseur Jochen Biganzoli lässt weite Strecken seiner Inszenierung im Zuschauerraum oder auf einem schmalen Streifen vor dem Orchestergraben spielen. Wobei er sich auf eine Aussage des Komponisten beruft. Auch der wollte das Geschehen nämlich nah am Publikum.

Die vorderen Reihen müssen sich da hin und wieder mal den Hals verrenken, können dafür aber auch den Sängern direkt in die Augen sehen, die auf dem Weg zur nächsten Whiskey-Bar an einem vorbeistreifen und zwischen den Sitzreihen ihre Mitglieder-Ausweise für das exklusive Glücksspiel-Paradies verteilen. Das sorgt immer wieder für witzige Momente, trägt als Gimmick aber eben doch nicht ganz über volle Distanz des Abends. Und wenn der Realismus im zweiten Teil dann plötzlich zugunsten eines oratorienhaften Rumstehens aufgegeben wird, geht der Inszenierung leider doch etwas die Puste aus.

Da liegt es dann am Dirigenten die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Und mit Ivan Demidov steht in Augsburg zum Glück ein Mann im Graben, der Weills Partitur genauestens durchleuchtet. Er lässt die gut aufgelegten Augsburger Philharmoniker jazzig swingen, versteht es aber auch bei den Anleihen aus der großen Oper Pathos und Ironie stets in der perfekten Balance halten. Dafür hat er sich nicht nur den Drink redlich verdient, der ihm zwischendurch am Pult serviert wird, sondern ebenso den Jubel des Publikums.

Ähnliche stilistische Gratwanderungen haben auch die Sängerinnen und Sänger zu bewältigen. Was der wandlungsfähigen Sally du Randt als Jenny ebenso gelingt wie Kate Allen, die als gewissenlose Witwe Begbick mit dramatischem Mezzo autoritär regiert. Und auch der tragische Held Jimmy Mahoney hat in Mirko Roschkowski einen nahezu idealen Interpreten gefunden. Ein darstellerisch agiler Tenor auf dem Weg ins schwere Heldenfach, der gleichzeitig aber auch eine ordentliche Portion Operetten-Erfahrung mitbringt. Eine Mischung, die Weills doppelbödigen Nummern überaus gut zu Gesicht steht.
TOBIAS HELL

Weitere Vorstellungen am

29. Januar, 16., 22. Februar, 2., 15. März, 17., 25. April, 2. Mai. Karten: staatstheater-augsburg.de

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