PREMIERE

Zusammen ist man weniger allein

von Redaktion

„faulender Mond“ am Volkstheater

Poetische Bilder findet Regisseur Simon Friedl in seiner ersten Inszenierung fürs Münchner Volkstheater. © Gabriela Neeb

Überzeugende Schauspielleistung: Nina Noé Stehlin (li.) und Henriette Nagel. © Gabriela Neeb

Natürlich, es ist gerade eine ganz schlechte Zeit für Utopien. Das jedoch ist dem Münchner Volkstheater vollkommen wurscht. Und sie haben ja Recht: Wo, wenn nicht auf dem Theater, können wir über die echten Alternativen diskutieren? „faulender Mond“ ist ein Stück, das wie ein Kommentar zur aktuellen Nachrichtenlage wirkt. Doch rührt Autorin Anaïs Clerc an Tieferem, am Allzumenschlichen. Es geht um Macht und deren Missbrauch, um Empathie und das Miteinander, um eine (gute) Zukunft und um die Sehnsucht, auf der Sonnenseite zu sitzen und einen Happen abzubekommen vom Kuchen. „Vor dem Großen für alle, muss doch einmal auch das Kleine für mich stimmen“, fordert an einer Stelle Antje, eine der beiden Frauen, um die es hier geht.

Uraufgeführt im vergangenen Herbst in Gießen, hat Simon Friedl „faulender Mond“ nun auf der Bühne 3 des Münchner Volkstheaters inszeniert. Bislang hat der Reichenhaller als Assistent etwa von Intendant Christian Stückl und Sapir Heller am Haus gearbeitet; mit dieser Produktion stellt er sich erstmals selbst als Regisseur vor. Nach der Premiere am Freitag gab’s heftigen Applaus und vereinzelt Standing Ovations.

Clercs Zwei-Personen-Drama ist geschult an den Lehrstücken Brechts – ohne deren Moralinsäure, dafür mit wesentlich mehr Tempo. Ins Zentrum stellt die Autorin zwei Frauen vom unteren Rand der Gesellschaft: Antje, eine vorbestrafte, weil spielsüchtige ehemalige Fahrkartenkontrolleurin, und eine gescheiterte Schauspielerin, im Text schlicht „Sie“ genannt. Diese beiden Gestrandeten arbeiten in einer Fleischerei. Beim Zerteilen und Zerlegen der reinen Biomasse kommen die Frauen ins Gespräch über die eigenen Biografien – und letztlich auch darüber, was eigentlich ein gutes Leben ausmacht und wie es zu verwirklichen ist. Das eint die beiden ebenso wie ihre Sehnsucht nach dem Mond.

Paula de la Haye hat eine klinisch reine, aufgeräumte Bühne gebaut, MetzgereiAtmosphäre. Simon Friedl inszenierte diese 80 Minuten genauso sauber und entschlackt. Nur einige Szenen – gerade als es um die „Partei“ geht, die ein Platzhalter ist für all jene, die zurückwollen in eine Zeit, die allerdings nie die gute, alte war – hat der Regisseur zu sehr ausbuchstabiert und dadurch über-illustriert.

Freilich hätte es das gar nicht gebraucht, denn er hat mit Henriette Nagel und Nina Noé Stehlin (neu im Ensemble und schon jetzt ein Gewinn fürs Haus) zwei Schauspielerinnen, die sich mit großem Engagement und ebensolcher Klugheit durch den Text walken und ihn gestalten. Die beiden wechseln nicht nur elegant zwischen mehreren Rollen – sie formen diese scheinbar unscheinbaren Frauen auch mit enormer Empathie und Präzision. Ohne viele Requisiten glücken dem Duo wahrhaftige Momente. Der vielleicht stärkste: als es um Antjes Sehnsucht nach dem Glück im Spiel geht.

Das ist allerdings mindestens so weit entfernt wie der Mond, auf den sich die Figuren schließlich träumen. Hier formulieren sie ihren Wunsch an die Zukunft: „Das wäre doch wirklich mal eine Veränderung, würden wir einmal verstehen, dass wir alle einander brauchen. Würden wir einmal einen Dialog führen, alle.“ Es ist gerade eine ganz schlechte Zeit für Utopien? Was für ein Schmarrn. Wir haben sie nötiger denn je.
MICHAEL SCHLEICHER

Nächste Vorstellungen

am 6., 7. und 18. Februar;
Telefon 089/523 46 55.

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