Simon Rattle am Pult seines BR-Symphonieorchesters im Münchner Herkulessaal. © Astrid Ackermann
Aufräumen mit zopfigen Traditionen: selbstverständlich. Den Laden der alten Klassiker mal richtig aufmischen: natürlich. Aber es sich deswegen mit allen verscherzen? Das nun weniger. Wolfgang Amadé Mozart, das ist aus der Sicht Sir Simon Rattles zwar ein Revoluzzer, aber einer der freundlichen, lustvollen Art. Einer, der das Orchester (und die kompositorischen Strukturen) bis an die Grenze und darüber hinaus treibt, aber deshalb nicht unbedingt verstören will. So jedenfalls der Eindruck nach dem Abend im Herkulessaal, in dem sich Rattle und sein Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks den drei letzten Symphonien des Genies widmen.
Die Nummern 39, 40, 41 in einem Konzert zusammenspannen, das ist so etwas wie das Leib- und Magenprogramm des britischen Maestros. Oft hat er das serviert, mit den Berliner Philharmonikern, dem London Symphony Orchestra und zuletzt, im Mai 2024, mit dem Mahler Chamber Orchestra. Und das Aufreizende jedes Mal, also auch jetzt in München: Rattle will die Repertoire-Hits neu denken, neu erfühlen, nichts einfach nur geschehen lassen. Dass dies auch auch mit dem BR-Ensemble gelingt, ist das große Glück dieses Abends.
Wobei: Im Falle der Nummer 40 stößt Rattle mit seiner musikantischen Rasanz nicht ins Zentrum vor. Die Radikalität des g-Moll-Werks mit seinen auffahrenden Gesten, den abrupten Kulissenwechseln, den plötzlich klaffenden Löchern und den harmonischen Kühnheiten teilt sich nur ansatzweise mit. Mozarts verstörendste Symphonie bleibt hier ganz domestiziertes Raubtier. Und falls es mal die Stacheln ausfährt, dann sind die allerhöchstens aus Hartgummi.
Dafür entschädigen die beiden Dur-Werke. Der Furor, mit dem die BR-Symphoniker etwa durch den Kopfsatz von Nummer 39, besonders aber durchs Finale von Nummer 41 wedeln, ist erstaunlich. Und am allererstaunlichsten ist: wie viele Details und Verläufe dabei trotzdem verdeutlicht werden können. Rattle fordert maximale Flexibilität ein – und bekommt sie auch. Immer wieder tigert er, der auf das klassische Maestro-Podium verzichtet, auf der Bühne zu den einzelnen Instrumentengruppen. Ein Primus inter pares, das signalisiert der Chef damit. Aber auch: Ich kann euch jederzeit auf die Pelle rücken und unvermittelt einen Akzent, eine musikalische Hervorhebung verlangen.
Am besten wirken die Differenzierungen, die delikaten Nuancierungen in den ruhigen zweiten Sätzen, auch weil die naturgemäß lichter instrumentiert sind. Im Finale der 41. Symphonie sind dann alle Leinen los. Ein Marathon auf Sprint-Stufe, bestechend und überwältigend gespielt. Ovationen.
MARKUS THIEL