Wer starrt hier wen an? Linda Blümchen gestaltet Salomes berühmten „Tanz der sieben Schleier“ als sehenswertes Kampfritual. © Birgit Hupfeld
Es ist ein Drama der Blicke, das sich auf der Bühne des Münchner Cuvilliéstheaters abspielt. Regisseurin Ewelina Marciniak und ihr Dramaturg Jarosław Murawski haben Oscar Wildes „Salome“ durch die feministische Brille betrachtet und überschrieben – inszeniert ist dieses Auftragswerk des Bayerischen Staatsschauspiels mit Fokus auf die Augen. Wobei jene im Publikum ausdrücklich einbezogen sind, nicht nur das Saallicht, das immer wieder angeht, erinnert daran.
Diese zwei Theaterstunden, die am Donnerstag ihre heftig beklatschte Premiere hatten, wollen Salome entkoppeln von der (männlichen) Sichtweise der Femme fatale – weg vom Objekt der Blicke also, hin zum selbstbestimmten Subjekt. Die Geschichte der Stieftochter des Herodes (der freilich Salome alles andere als väterlich ansieht) spiegelt Autor Murawski in Geli Raubals Biografie. Hitlers Nichte lebte einige Jahre mit diesem am Prinzregentenplatz, vermutlich als seine Geliebte. 1931 erschoss sie sich.
Daraus formt Murawski die Rahmenhandlung: Wildes Drama von 1891 war Vorlage der Oper von Richard Strauss. Anlässlich deren Uraufführung 1905 treffen hier nun der Komponist, der Autor, Geli und ihr Onkel, der als „junger Konservativer“ firmiert, aufeinander. Eine Begegnung aus dem Bereich der alternativen Fakten – und doch sehr erhellend.
Denn so entkoppelt das Duo Marciniak/Murawski Salome und ihr Schicksal. Um dieses in den Fokus zu nehmen, darf nichts die Blickachsen stören: Mirek Kaczmarek hat einen übersichtlichen Raum gebaut; in der Tiefe ist er begrenzt von samtroten Logen. Dort sitzt die Prominenz beim „Spiel im Spiel“. Die beiden Bäume im Innenhof des Palastes von Herodes tragen kein Laub – auf dieser Bühne soll sich wirklich nichts verbergen können. Ein fahrbarer Spiegel doppelt obendrein alle Blicke – und verzerrt zugleich die Körper der Schauspielerinnen und Schauspieler. Wie es eben der Salome-Figur über die Zeitläufte hinweg ergangen ist.
Soweit die Theorie, die jedoch die Inszenierung zu Beginn schwerfällig wirken lässt. Hier ist viel Form und wenig Funktion. Das ist schade, denn die Idee der 1984 in Polen geborenen Theatermacherin überzeugt. Schließlich erreicht die Produktion doch die Flughöhe. Daran ist maßgeblich der Mann am rechten Bühnenrand beteiligt. Tim Roth kreiert an Synthesizer und Kontrabass einen aufregenden Sound zwischen Jazz, Opern-Zitaten und Elektronischem. Seine Musik untermalt atmosphärisch, treibt das Geschehen voran oder kommentiert es.
Zudem ist da ein Ensemble, das mit Witz, Spielfreude und Klugheit agiert. Sei es Thomas Lettow, der den „jungen Konservativen“ mit leiser Bedrohlichkeit gestaltet, oder Nicola Kirsch, die Salomes Mutter wunderbar vage zwischen Unterordnung und Aufbegehren hält. Lisa Stiegler gibt Oscar Wilde als Dandy zum Verlieben – und lässt ihren Propheten Jochanaan seine Worte mit fiebriger Wucht formulieren.
Linda Blümchen zeigt die Emanzipation der Titelfigur in vielen, auch unscheinbaren Facetten – und hat in Vassilissa Reznikoff eine starke Partnerin, deren Geli indes einen anderen Ausweg wählt. Kein Wunder also, dass Marciniak diese beiden Salomes „Tanz der sieben Schleier“ interpretieren lässt: Blümchen überführt die Klischees erotischer Bewegungen durch die energiegeladene Betonung der Abläufe in ein Kampfritual. Reznikoff feiert den weiblichen Körper an einer Poledance-Stange – und zeigt doch in jedem Moment, wer Chefin im Ring ist. Schade nur, dass Nicola Mastroberardino, der in dieser Szene dasselbe Trikot wie seine Kolleginnen trägt, diesen nur bewundernd zuschaut – und nicht tanzt.
Als Salome danach den Kopf des Jochanaan fordert, weil dieser ihre Liebe verschmäht, und sie den Propheten gleich selbst tötet, gilt sie den anderen freilich als „Ungeheuer“. Das wiederum ist jedoch ein durch und durch männlicher Blick.
MICHAEL SCHLEICHER
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