René Pollesch, Intendant der Berliner Volksbühne, starb im vergangenen Februar unerwartet mit 61 Jahren. © imago
Hausherr an der Maximilianstraße: Matthias Lilienthal leitete die Münchner Kammerspiele bis 2020. © Marcus Schlaf
Der Theatermacher Matthias Lilienthal übernimmt von der Spielzeit 2026/27 an die Intendanz der Berliner Volksbühne. Er soll bei seiner Arbeit von einem beratenden Team unterstützt werden, das aus der österreichischen Performance-Künstlerin und Choreografin Florentina Holzinger und der kapverdischen Choreografin Marlene Monteiro Freitas besteht. Das gab Berlins Kultursenator Joe Chialo (CDU) am Freitag bekannt.
Für den 65-Jährigen ist der neue Job auch eine Rückkehr an seine alte Wirkungsstätte: Als Frank Castorfs Chefdramaturg und Stellvertreter hatte Lilienthal zwischen 1991 und 1998 bereits an der Volksbühne gearbeitet – und in dieser Zeit mit dafür gesorgt, dass das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz zum künstlerisch spannendsten Theater im Berlin der Nachwendezeit wurde.
Auch in München ist Lilienthal kein Unbekannter. Im Gegenteil: Von 2015 bis 2020 hat er die Kammerspiele geleitet – und mit seinem Programm vor allem in den ersten Spielzeiten das Publikum und die Stadtpolitik gespalten. Über sein Haus und seine Arbeit diskutierten plötzlich auch Menschen, die lange schon kein Theater mehr von innen gesehen haben. Nachdem ihm die Stadt anstelle des üblichen Fünf-Jahres-Vertrags lediglich eine Verlängerung um drei Jahre angeboten hatte, gab der gebürtige Berliner 2018 bekannt, dass er München nach Ablauf seines Vertrags verlassen werde. Auf ihn folgte Barbara Mundel, die bis heute Intendantin der Bühne an der Maximilianstraße ist.
Lilienthals letzte beiden Spielzeiten an der Isar überzeugten nicht nur künstlerisch, sondern auch das Publikum. Bei seiner letzten Saison 2019/2020 lag die Auslastung bei 85 Prozent – dann kam Corona, und nicht nur die Theater wurden geschlossen. „Uns ist es gelungen, die Stadt zu verführen“, jubelte der Intendant im Abschieds-Interview mit unserer Zeitung beim Blick zurück. Und er hatte Recht: Vor allem das zehnstündige Antiken-Spektakel „Dionysos Stadt“ von Regisseur Christopher Rüping begeisterte die Zuschauerinnen und Zuschauer ebenso wie die Kritik. Lilienthals Nachfolgerin Mundel zeigte die Produktion erst heuer im Januar letztmalig – auch diese beiden Abende waren ausverkauft.
In Berlin folgt Lilienthal auf den bisherigen Volksbühnen-Intendanten René Pollesch. Er war im Februar vergangenen Jahres unerwartet im Alter von 61 Jahren gestorben. Eine Übergangsintendanz für das Haus war zuletzt gescheitert (wir berichteten). Kultursenator Chialo sagte bei der Pressekonferenz, Lilienthal habe die Volksbühne bereits unter Castorf mitgeprägt. Mit seiner international vernetzten Perspektive und dem Gespür für die Potenziale junger Künstlerinnen und Künstler habe er immer wieder Impulse gesetzt, die weit über den Moment hinaus wirkten.
Spannend ist auch die Besetzung des sogenannten Artistic Boards, das den künftigen Intendanten beraten soll. Florentina Holzinger, die schon mehrfach an der Volksbühne inszeniert hat, kennt Lilienthal noch von den Kammerspielen. Er holte die Wienerin für die Produktion „Étude for an Emergency. Composition for Ten Bodies and a Car“ nach München. Es war die erste Arbeit der heute 39-Jährigen an einem deutschen Stadttheater. Holzinger mixt in ihren Arbeiten Tanz, Kampfsport, Stunts und Schauspiel. Zuletzt sorgte ihre erste Opern-Produktion „Sancta“ nach Paul Hindemiths „Sancta Susanna“, die im vergangenen Mai in Schwerin uraufgeführt wurde, bei ihrer Gastspielserie an der Stuttgarter Staatsoper für Furore. Holzinger wird 2026 auch den Pavillon ihrer Heimat bei der Kunstbiennale in Venedig gestalten.
Die 46-jährige Choreografin Marlene Monteiro Freitas ist Gründerin der Tanzkompanie Compass und hat regelmäßig am Berliner Theater Hebbel am Ufer gearbeitet, das Lilienthal von 2003 bis 2012 geleitet hat.
Der designierte Intendant sagte am Freitag, er wolle die Volksbühne „zu einem internationalen Ort des Theaters machen“: „Das ist unser Widerstand gegen eine Politik der Renationalisierung, ein lustvoller Widerstand.“
MICHAEL SCHLEICHER