Bericht einer Sterbebegleiterin: Die Hörstation ist Bestandteil von Ruth Geiersbergers Ausstellungs-Installation „Das Verschwinden“ im Museum Ägyptischer Kunst. © Severin Vogl
Haben wir sie nicht alle zu Hause, jene kleinen unbedeutenden Fundstücke und Reliquien, die man von Reisen mitbringt? Die Muschel vom Strand im Norden, die Eintrittskarte vom Museum im Süden – Erinnerungsfetische, die objektiv wertlos sind, aber für den Besitzer Bürgen einer subjektiven Utopie, aufgeladen mit der zerbrechlichen Erfahrung von Glück, ja mit der Ahnung dessen, was wir eigentlich wären, wenn wir nur nicht so selten dazu kämen, es zu sein.
Auch Ruth Geiersberger hat solche Erinnerungsstücke mitgebracht, die sich fast von selbst zu vagen, sehr bruchstückhaften Koordinaten einer privaten Mythologie arrangieren. Die Münchner Künstlerin war im Frühjahr 2024 nach Australien gereist, auf den Spuren des Botanikers Ludwig Leichhardt, der im 19. Jahrhundert spurlos in Australien verschwand. Einige ihrer „Souvenirs“ präsentiert sie nun in der Ausstellung „Das Verschwinden“. Da finden sich etwa australische Steinbrocken zusammen mit kleinen Plüschtierchen (ein Wombat und ein Känguru, was sonst), alles sorgsam unterm Glassturz oder in der Vitrine platziert.
Die Sehnsucht, mit den Reise-Reliquien das Erlebte auf fast magische Weise zu konservieren, zu verewigen, kündet eben dadurch aber auch unvermeidlich von der Vergänglichkeit, vom Verschwinden alles je Gegenwärtigen, kurzum: vom Tod. Welcher Ort wäre also geeigneter, diese Erinnerungsstücke zu einer Art lockerer Installation zu gruppieren, als das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst (SMÄK), das einen wunderbaren Saal für Wechselausstellungen besitzt?
Schließlich erzählt gerade die opulente Bestattungskultur der alten Ägypter mit all den Grabbeigaben und Konservierungsbemühungen ja ebenfalls vom Wunsch nach Unvergänglichkeit. Sehr passend zu all dem findet sich in der Ausstellung auch eine Hörstation, wo der Besucher auf einem roten Stuhl Platz nehmen kann, um über Kopfhörer dem Bericht einer Frau zu lauschen, die seit 30 Jahren als Sterbebegleiterin im Hospiz arbeitet.
Damit man von all dem nicht zu melancholisch wird, veranstaltet Ruth Geiersberger in der Schau verschiedenartige Performances, deren erste einem ebenso virtuosen wie amüsanten Live-Hörspiel glich. Die Künstlerin, in einer Hose mit Schlangenledermuster, brillierte mit Stimm- und Textakrobatik, während zwei Musiker Spontankompositionen als expressive Klangkulisse beisteuerten – einer davon an einem selbst gebastelten Instrument, das er „Stangerl-Cello“ nennt. „Hurz!“, möchte man da fast mit Hape Kerkeling rufen…
ALEXANDER ALTMANN
Bis 16. Februar
täglich außer Mo. 10 bis 18 Uhr. Weitere Performances
am 8., 13., 14. und 15. Februar; Karten und nähere Informationen unter https://www.verrichtungen.de.