Anne Cathrine Bomann schreibt über behutsame Annäherungen und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit. © Getty Images
Genau zwei Freundschaften – die zu einem Menschen, Maiken, und die zu einer Krake, Rosa –, alle anderen sind Vigga herzlich egal. Weil die ihrem Leben mit Ende zwanzig nicht den Sinn verleihen, den sie schon immer so sehr darin sucht. Weil die sie unerlässlich vor die Frage stellen, wie sie sein sollte, um zur Welt vorzudringen, um dazuzugehören. Oder ist es Vigga, die sich unwillkürlich von der Welt abschottet, um nicht Gefahr zu laufen, erneut verlassen zu werden – und damit genau das Gegenteil bewirkt?
Sanft und einfühlsam beschreibt die dänische Psychologin und Autorin Anne Cathrine Bomann einen Wendepunkt im Leben einer jungen Frau, die skeptisch nach einem Platz für sich sucht – zum Leben, zum Arbeiten, zum Lieben und Geliebt-Werden –, zweifelnd, ob es ihn überhaupt gibt. Als ihre beste Freundin Maiken schwanger wird, wirkt diese natürliche Veränderung im Außen wie eine Störung, ja existenzielle Bedrohung auf sie. Zuflucht und Trost findet Vigga an ihrer vorübergehenden Arbeitsstelle, einem Seeaquarium, in dem sie jeden Morgen tote Fische ausnehmen muss, um andere Meeresbewohner damit am Leben zu erhalten.
Und das ist nicht die einzige Absurdität, die sie über die Richtigkeit des menschlichen Eingriffs in die Natur nachdenken lässt.
Gleichzeitig fasziniert sie ihr neues maritimes Universum: In der Nähe der Oktopusdame Rosa, so sehr sich dieses geheimnisvolle, hochkomplexe Wesen mit den drei Herzen, dessen Intelligenz sich ganz besonders auch in seinen acht Armen befindet, vom Menschen mit seiner vergleichsweise simplen Anatomie unterscheidet, empfindet Vigga Verbundenheit, ein Wiedererkennen. Eine Art Gefangenschaft und dieses große Gefühl der Fremdheit in ihr – beide scheint sie mit Rosa zu teilen. Und in der intensiven, emotionalen wie wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem immer zutraulicher werdenden und doch stets eigensinnigen „Achtfuß“ findet sie schließlich einen Zugang: zu Rosa, zu Maiken und nicht zuletzt auch zu sich selbst.
Wohldosiert sind die Worte, die Bomann für diese feine, langsame Annäherung findet, schlicht und schön. In „Rosa“ hat sie einen Roman über die tiefe Sehnsucht nach Zugehörigkeit geschrieben, über Verständnis und Selbstmitgefühl, Akzeptanz und Loslassen.
TERESA GRENZMANN
Anne Cathrine Bomann:
„Rosa“. Aus dem
Dänischen von Franziska Hüther. Hanserblau, Berlin,
240 Seiten; 22 Euro.