Debüt als Giselle: Ksenia Shevtsowa. © Katja Lotter
Ach, die Liebe! Dieses Glücksgefühl, das den Verstand ausschaltet. Albrecht verdrängt seine adligen Pflichten – und treibt die Winzertochter in den Tod: „Giselle“, dieses „Ballet phantastique“ von Jean Coralli und Jules Perrot, uraufgeführt 1841 in Paris, kann uns sogar im Internet- und KI-Zeitalter noch anrühren. Peter Wrights Fassung (mit Marius Petipa choreografisch verdichtet) von 1966 ist seit 1974 im Münchner Repertoire, sie erlebte man soeben von einem sichtbar verjüngten Staatsballett. Und klar: euphorischer Schluss-Jubel im Nationaltheater.
Da war ja auch so etwas wie Premieren-Atmosphäre nach Repertoire-Schlaf immerhin seit Oktober 2020. Dazu neun Debüts bis hin in die Gruppe. Aber unsererseits auch ein neues Erkennen, wie sparsam klug die Geschichte in zwei „Kontrast-Akten“ erzählt wird. Zu Beginn die dörfliche Szenerie (Ausstattung: Peter Farmer) mit dem Jungvolk in ausgelassenen Tänzen – angefeuert zu rasantem Schritt-Tempo von Andrea Quinn am Pult. Die Britin, erstmals zu Gast, geht dann im weißen Akt dezent auf die romantische Tragik ein.
Aber zurück zum ersten Akt. Hier ist die Erste Solistin Ksenia Shevtsowa in ihrem Giselle-Debüt darstellerisch ein wenig zu zaghaft. Gerne hätte man Verliebtsein und schmerzhafte Enttäuschung intensiver erlebt, will sagen: mitgefühlt. Technisch und auch im lyrischen Ausdruck ist sie die Wunderbarste im Reich der Willis. Schwebe-leicht ihre Spitzentechnik, ihre Sprünge, lyrisch ihre schlanken Ports de bras. Übrigens hervorragend geprobt auch das Willis-Ensemble, angeführt von Carolina Bastos erstmals als Myrtha, der Königin der Willis. Zu erwähnen auch das überzeugende Debüt von Konstantin Ivkin als Wildhüter Hilarion, der den amourösen Werber um Giselle als Herzog entlarvt. Jakob Feyferlik hatte zwar schon letzte Woche das Debüt als Albrecht. Aber auch er könnte sich noch tiefer in diese tatsächlich nicht leichte Rolle einfühlen. Unerreicht im gesamten Ensemble: seine luftig leicht battierten Sprünge.
MALVE GRADINGER
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