Ein nachgebautes Corno da tirarsi wird von BR-Trompeter Thomas Kiechle gespielt. © Astrid Ackermann
Feine Stilisten: Henrik Wiese (Traversfllöte, li.) und Alfredo Bernardini (Oboe). © Astrid Ackermann
Ein Herzensprojekt von Sir Simon Rattle ist das Barockensemble BRSO hip. Bei seinem ersten Auftritt wurde es im Prinzregententheater begleitet vom Chor des Bayerischen Rundfunks. © Astrid Ackermann
Zunächst muss die Sache mit dem gebogenen Messingding geklärt werden. Eine Promenadenmischung aus Horn und Trompete mit Posaunenzug. Klingt auch so, heißt Corno da tirarsi und ist nicht mehr im Original erhalten. Wer also zum Beispiel Johann Sebastian Bachs Kantate „Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht“ wie anno 1723 aufführen will, muss sich das Instrument nachbauen lassen. Genau das ist hier passiert, fürs Gründungskonzert von BRSO hip. Der Fall gibt einen Vorgeschmack darauf, was man noch alles von diesem Barockensemble erwarten darf. Ach ja: Und Thomas Kiechle spielt diese Zughorntrompete ganz famos.
BRSO hip, das ist ein Herzensprojekt von Chefdirigent Sir Simon Rattle. Aus seinem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bestückt er bekanntlich ein Ensemble, das sich mit historischen Instrumenten dem Barockrepertoire widmet und sich der „historically informed perfomance“ (historisch informierter Aufführungspraxis, deshalb hip) verschrieben hat. Die 250 000 Euro, die der Maestro heuer für den Siemens-Musikpreis bekommt, will er in dieses Projekt stecken. Dem Debüt im Prinzregententheater gingen umfangreiche Vorbereitungen voraus: Experten kamen zur Fortbildung, im privaten Kreis wurde erstmals gemeinsam musiziert.
Eine Neugründung fürs Barocke riecht nach Revolution. Doch letztlich wird nur institutionalisiert, was längst en vogue und daher gar nicht mehr hip ist. Bach spielt heute keiner mehr wie zu Karajans und Richters Zeiten. Im BRSO sitzen daher viele, die sich längst mit dieser Aufführungspraxis beschäftigen, manch einer wie Fagottist Marco Postinghel hat bereits bei Gardiners English Baroque Soloists gespielt. Rattle kann also auf einen Erfahrungsschatz bauen, und das hört man auch. Mit drei Bach-Kantaten tastet man sich ins künftige Betätigungsfeld vor: Neben „Herr, gehe nicht ins Gericht“ gibt es noch „Liebster Gott, wenn werd ich sterben“ und „Was Gott tut, das ist wohlgetan“. Alles sparsam instrumentiert, eine gedämpfte Atmosphäre, viel Seufzermotivik und schmerzliche Klangreibungen. Einmal, in der Sopran-Arie aus besagter Corno-Kantate, schweigen die tiefen Streicher, das musikalische Geschehen verliert jegliche Verwurzelung: Nicht nur hier wird in Fahlfarben über das peinigende Jetzt und den ersehnten Tod meditiert.
Rattle bezeichnet sich gern als Harnoncourt-Baby. Doch auf Ausstellen von Affekten hat er keine Lust. Man erlebt ein duftiges, leicht modellierbares, trennscharfes und ungemein farbenreiches Klangbild. Alles ist pure, homogen empfundene Flexibilität. Besonders aber erlebt man bestechende Orchestersolisten: Neben Thomas Kiechle ist das vor allem Henrik Wiese, der mit seiner Traversflöte eine Fülle an feinen Details zaubert – eine wunderzarte, virtuose Innenschau. Ein delikater Stilist ist auch Konzertmeister Tobias Steynmans, als Gast liefert Alfredo Bernardini holzig-aparten Oboen-Charme.
Der BR-Chor singt entsprechend schlank und geschlossen. Da er fast nur mit Chorälen und Choralbearbeitungen zu tun bekommt, also mit überschaubarer Komplexität, wäre etwas mehr Texttransport drin gewesen – schließlich geht es bei der Sache, die Kolleginnen und Kollegen aus dem Orchester machen‘s ja vor, um musikalische Rhetorik. Carolyn Sampson (Sopran), Tim Mead (Countertenor) und Thomas Hobbs (Tenor) vermitteln viel vom Text und seinem tiefschürfenden Inhalt, und alle im ausverkauften Saal hängen an den Lippen von Konstantin Krimmel (Bariton). Am 16. März widmet sich Andrea Marcon mit BRSO hip dem italienischen Barock. Fürs Debüt mit Rattle gibt es Ovationen: Diese Truppe hat München gerade noch gefehlt.
MARKUS THIEL