Gianna Nannini trat ebenfalls 2024 auf. © Ettore Ferrari
Angelina Mango holte 2024 den Sieg. © Marco Alpozzi
Das Ariston Theater in Sanremo rüstet sich für den diesjährigen Gesangswettbewerb, der an diesem Dienstag im italienischen Fernsehen startet. © FABIO FRUSTACI
2021 siegte die Rockband Måneskin. © Marco Piraccini
Al Bano und Romina Power sangen 1982 auf der Bühne von Sanremo. © Claudio Onorati
An fünf langen Abenden versammeln sich während des traditionellen Sanremo-Musikfestivals Millionen von Italienern zur Hauptsendezeit vor dem Fernseher. Jung und Alt infiziert vom alljährlichen Sanremo-Fieber. Selbst wer will, kann dem gigantischen Hype um den Gesangswettbewerb, der an diesem Dienstag beginnt, nicht aus dem Weg gehen.
Schon Wochen vor dem Start der 75. Jubiläumsausgabe ist der Popmusik-Wettbewerb das große Thema: in den Zeitungen, im Fernsehen, in den Sozialen Medien. Täglich gibt es Kandidaten-Interviews in den Blättern und auch das Magazin „TV Sorrisi e Canzoni“ hat traditionell eine Woche vor Beginn des Spektakels die erste große Fotostrecke mit Klatsch und Tratsch auf den Markt gebracht.
In dem sonst beschaulichen Städtchen an der italienischen Riviera wirbeln schon Wochen vor Beginn des Events zahlreiche Mitarbeiter der übertragenden öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt Rai herum und bereiten alles für den großen Ansturm der Fans vor. In der Innenstadt haben sie bereits eine große Bühne zum Public-Viewing aufgebaut, Straßen abgesperrt und vor dem Teatro Ariston Sperrzäune montiert, um die Schaulustigen vom roten Teppich fernzuhalten. Die Gasse zu dem Theater mit ihren Bars und Geschäften gleicht indes einer Sicherheitszone. „Che follia“ – was für ein Wahnsinn, sagt ein genervter Barista dazu.
Nach fünf Tagen wird ein Sieger gekürt – und damit automatisch Italiens Beitrag für den Eurovision Song Contest. Auch wenn Sanremo dann wieder zur Normalität zurückkehrt – eine Zeit lang drehen sich die Gespräche der Italiener am Tresen der Stammbar oder an der Supermarktkasse dann noch um die (vermeintlichen) Skandale der zu Ende gegangenen Ausgabe.
Da war etwa vor zwei Jahren der Ausraster von Sänger Blanco. Weil auf seinem Ohrstöpsel seine Stimme nicht zu hören war, zertrampelte er die Rosen-Deko auf der Bühne und warf sie durch die Luft. Wenige Abende später rieb und wackelte der Rapper Rosa Chemical während seines Auftritts mit seinem Po auf dem Schoß seines Rapper-Kollegen Fedez im Publikum – es folgte ein inniger Zungenkuss der beiden.
Das „Festival della Canzone Italiana“, so der offizielle Name, ist der älteste Popmusik-Wettbewerb Europas. Ursprünglich 1951 erdacht, um mehr Touristen an diesen Teil der Küste Liguriens zu locken, legte das Festival mit der Zeit eine Erfolgsgeschichte hin. Für den ersten großen Erfolg sorgte 1958 Domenico Modugnos Auftritt mit seinem Hit „Nel blu, dipinto di blu“ (oder: „Volare o-o, cantare o-o-o-o“).
In den Folgejahren feierten auf der Bühne von Sanremo damals noch weniger bekannte Musiker ihre ersten großen Erfolge. Adriano Celentano, Milva, Gigliola Cinquetti, Lucio Dalla, Iva Zanicchi, Mina und später die Band Måneskin – sie alle wurden mit ihren Auftritten in Sanremo zu großen Stars. Die Erfolgsgeschichte wurde jedoch 1967 von einem traurigen Vorfall getrübt: Der 28-jährige Luigi Tenco trat mit seinem Lied „Ciao amore ciao“ in Sanremo auf. Sein Beitrag qualifizierte sich jedoch nicht für das Finale. Gekränkt zog er sich in sein Zimmer im Hotel Savoy zurück und nahm sich dort das Leben.
Später setzte sich immer mehr der Unterhaltungscharakter des Festivals durch. Die Gruppe Ricchi e Poveri glänzte 1981 mit ihrem Kultsong „Sarà perché ti amo“. Im Jahr darauf nährten Al Bano und Romina Power mit „Felicità“ die deutsche Italiensehnsucht. 1983 zog Toto Cutugno mit „L‘Italiano“ nach.
Die 75. Ausgabe dürfte wieder ein musikalisches Spektakel versprechen. Die italienische Klatschpresse wittert jedoch auch Zündstoff: Zu den insgesamt 29 Kandidaten gehören etwa die Rapper Tony Effe (33) und Fedez (35), denen eine Feindschaft nachgesagt wird. „In Sanremo wird ein Husten zu einem Erdbeben, aber das ist das Schöne an diesem Festival“, sagt Carlo Conti, künstlerischer Leiter und Moderator.
ROBERT MESSER