Favoriten-Sterben bei den Oscars?

von Redaktion

Jetzt kommt auch „The Brutalist“ ins Gerede – am Einsatz von KI scheiden sich die Geister

Da war die Welt noch in Ordnung: Brady Corbet Anfang Januar mit Golden Globe. © dpa

„The Brutalist“ zeigt große Visionen mit kleinem Budget. Der Einsatz von KI steht nun nachträglich in der Kritik. © Universal/dpa

Ungarische Aussprache KI-optimiert: Adrien Brody (li.) und Guy Pearce in einer Szene aus „The Brutalist“. © Lol Crawley/dpa

Was ist nur mit den Favoriten auf die Oscars los? „Der Brutalist“ ist für zehn Auszeichnungen nominiert – doch plötzlich wird weniger über den Inhalt diskutiert, als darüber, ob der Einsatz von KI okay ist. Die Erfolgsaussichten schwinden. Genauso wie für den Musical-Thriller „Emilia Perez“ (wir berichteten), dessen Hauptdarstellerin wegen rassistischer Äußerungen am Pranger steht.

In Brady Corbets Drama „Der Brutalist“ geht es um das Spannungsverhältnis zwischen visionärer Kunst und Kapitalismus, festgemacht an der Geschichte eines ungarischen Architekten und Holocaust-Überlebenden. Der auf historischem Material beruhende Film sorgte bei seiner Premiere in Venedig auch durch seine Liebe zum analogen Kino für Aufsehen. Doch jetzt werden andere Töne laut, man stößt sich daran, dass Corbet auch das neuartige Hilfsmittel Künstliche Intelligenz (KI) für sein Werk genutzt hat.

KI half dabei, die ungarische Aussprache zu optimieren

Diese KI-Debatte ist symptomatisch dafür, wie verunsichert die Filmbranche wegen der neuen technischen Möglichkeiten ist. Dabei ist „Der Brutalist“ eher ein Beispiel dafür, wie KI sinnvoll genutzt werden kann, ohne menschliche Kreativität zu ersetzen. Es ist durchaus erstaunlich, dass das dreieinhalbstündige Mammutwerk mit einem für Hollywood-Verhältnisse bescheidenen Budget von zehn Millionen Dollar realisiert wurde. Das zwingt zum bewussten Einsatz finanzieller Mittel und dürfte bei der Entscheidung, auf KI zurückzugreifen, durchaus eine Rolle gespielt haben. Konkret geht es um deren Einsatz zur Optimierung der ungarischen Aussprache. In einem Interview wurde bekannt, dass das aus der Ukraine stammende KI-Programm Respeecher dabei half, die schwierigen Laute des Ungarischen in den Dialogen zu perfektionieren – gewissermaßen ein technisches Feintuning. Bei der enormen Menge an ungarischen Sprachaufnahmen hätte der herkömmliche Prozess die Postproduktion enorm verzögert.

Der Tenor der Diskussion drehte sich vor allem um zwei Punkte: Kritiker argumentierten, dass der Einsatz von KI, insbesondere zur Manipulation der ungarischen Akzente bei Adrien Brody und Felicity Jones, die Authentizität der schauspielerischen Leistung untergrabe. Der zweite Punkt drehte sich darum, ob der Einsatz von KI nicht Arbeitsplätze in Hollywood ersetze.

Bei Respeecher handelt es sich um eine Software, die die charakteristischen Merkmale einer Stimme erfassen, sie digital rekonstruieren und transformieren kann. Der Prozess wurde bereits anderweitig eingesetzt, etwa als die Stimme des verstorbenen James Earl Jones als Darth Vader für künftige Projekte konserviert wurde. Auch bei einem geplanten Edith-Piaf-Film kommt die Technologie zum Einsatz. Hierzulande findet sich eine prominente Anwendung beim neuen „Pumuckl“. Um für das charismatische Organ des liebenswerten Quälgeistes Hans Clarins Stimme wiederzubeleben, setzten die Produzenten ebenfalls auf die KI.

Die hitzige Debatte macht deutlich, wie gespalten Hollywood ist

Im Fall von „Der Brutalist“ kam sie neben der Optimierung der ungarischen Aussprache auch bei der filmischen Umsetzung von Architektur zum Einsatz. Nach den Aussagen der am Film beteiligten Künstler diente dies dazu, den Film zu verfeinern; KI ersetze aber nicht die künstlerischen Leistungen der einzelnen Gewerke.

So macht die hitzige Debatte deutlich, wie gespalten Hollywood ist. Einerseits wird KI-Technologie als unverzichtbares kreatives Werkzeug neben anderen gefeiert, um mit begrenzten Mitteln Visionen zu realisieren. Auf der anderen Seite sorgt ihr Einsatz in der Postproduktion für Stunk.
CHRIS SCHINKE

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