Edith Mathis stammte aus Luzern. © Keystone
Als Pamina debütierte sie in München: Szene aus der „Zauberflöte“ an der Bayerischen Staatsoper. © picture alliance
Irgendwann widmete sie sich den dramatischeren Rollen. Strauss‘ „Rosenkavalier“-Marschallin, Mozarts „Figaro“-Gräfin oder Webers „Freischütz‘“-Agathe. Ein normaler Reifeprozess, keine Sopranistin, auch das wusste sie, geht im Karriere-September schließlich als Jungmädchen durch. Und doch klang Edith Mathis weiterhin so. Als ob ihre silberklare, delikate Sopranstimme nur ein paar Gran Gewicht zugelegt habe. Denn wenn es etwas wie die ewig klingende Jugend auf den Opernbühnen gab, dann verkörperte dies die Mathis. Mit ihrer Ausstrahlung hatte dies zu tun, auch mit ihrer vollendeten Vokaltechnik. Schon bald gab die Schweizerin ihre Erkenntnisse weiter, auch als Professorin in Wien oder als gefragte Dozentin in Meisterkursen. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Edith Mathis am Sonntag in Salzburg gestorben, zwei Tage vor ihrem 87. Geburtstag.
Edith Mathis war der Beweis, dass sich Schönklang nicht im L‘art pour l‘art erschöpfen darf. Und dass Textbewusstsein oder technische (Selbst-)Sicherheit nicht ins Manierierte driften muss. Was die gebürtige Luzernerin vor allem zur idealen Mozart-Interpretin machte, das war ihre Natürlichkeit, die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich durch ihre Rollen bewegte. Viel Reflexion steckte dahinter, doch keine Sekunde drängte sich das vor den Gesang. Inspiration und Handwerk befanden sich bei der Mathis im idealen Gleichgewicht.
Ihre Karriere startete die Sopranistin in Luzern, später war sie in den Ensembles der Kölner Oper und der Deutschen Oper Berlin. Schon bald schaffte sie den Sprung auf die großen Bühnen: Auf eine solche Susanna, Zerlina oder Pamina hatte die Musiktheaterwelt gewartet. Dirigenten wie Karl Böhm oder Herbert von Karajan vertrauten auf sie, ob in Live-Aufführungen oder bei Platteneinspielungen.
An der Bayerischen Staatsoper war sie erstmals 1970 im Rahmen der Opernfestspiele zu hören, und zwar als Pamina. Neben Mozart und Strauss sang sie hier auch Debussys Mélisande und in der Uraufführung von Heinrich Sutermeisters „Le Roi Bérenger“. 1979 schmückte sie der Freistaat mit dem Titel Bayerische Kammersängerin, insgesamt stand Edith Mathis rund 150 Mal auf der Bühne der Staatsoper – die Schweizerin wurde zu einer Art Ehren-Münchnerin.
Edith Mathis war zunächst mit dem Dirigenten Bernhard Klee verheiratet, der auch zu ihrem Dauerpartner in Liederabenden wurde. Zuletzt lebte sie mit ihrem zweiten Mann, dem Kunstsammler Heinz Slunecko, in Salzburg. 2001 nahm die Mathis ihren Bühnenabschied – und mochte doch nicht ganz vom Metier lassen. Statt zu singen, trat sie oft als Rezitatorin auf. Ihre vielleicht schönsten Aufnahmen: Mozarts „Figaro“ unter Karl Böhm und Webers „Freischütz“ unter Carlos Kleiber. Nicht nur, wer diese Alben hört, bekommt den Klang der Mathis nicht mehr aus dem Ohr.
MARKUS THIEL