Muse und Maskottchen

von Redaktion

Tilda Swinton erhält den Ehrenbären auf der Berlinale

Mit Berlin verbunden: Tilda Swinton. © Berlinale

Berühmt wurde die schottische Schauspielerin Tilda Swinton 1986, als sie in Derek Jarmans „Caravaggio“ ihr Leinwanddebüt gab und mit ihrer irisierenden Präsenz komplett von den beiden Kerlen im Zentrum der Künstlerbiografie, immerhin gespielt von Sean Bean und Nigel Terry, ablenkte. Im Laufe ihrer darauf folgenden Ausnahme-Karriere hatte sie stets eine starke Verbindung zu den Berliner Filmfestspielen – kaum ein anderer Schauspielstar dürfte die Berlinale häufiger besucht haben. Jetzt wird sie dort mit dem Ehrenbären ausgezeichnet.

Bis zu seinem frühen Tod 1994 verband Swinton eine enge Freundschaft und eine ungewöhnlich symbiotische künstlerische Beziehung mit Jarman. In dieser Zeit schufen die beiden hoch artifiziell verklausulierte Filme, kombiniert mit brisanten politischen Inhalten wie etwa einer heftigen Kritik an dem während der Thatcher-Ära geltenden Verbot, positiv über Homosexualität berichten zu dürfen. In jedem nachfolgenden Spielfilm von „Edward II.“ bis „Blue“, dem letzten Werk vor seinem frühen Aids-Tod 1994, war seine Muse mit dabei. Seinem Andenken widmete sie das von ihr produzierte Filmporträt „Derek“ von Isaac Julien, das 2008 in der Sektion Panorama der Berlinale zu sehen war.

Zum international gefeierten Star wurde die heute 64-Jährige 1992 mit der von Sally Potter inszenierten Virginia-Woolf-Romanadaption „Orlando“. Ihre sensible, kluge Darstellung des Mannes, der zur Frau wird, setzte Maßstäbe und zementierte Swintons Status als Ikone des „Queer Cinema“. Immer wieder spielt sie seitdem in Independent-Produktionen wie in Hollywood-Blockbustern starke, betont androgyn wirkende Figuren, die klassische Geschlechterzuschreibungen auflösen. Mann, Frau, völlig egal für die offen bisexuell lebende Oscar-Preisträgerin (2008 als beste Nebendarstellerin für „Michael Clayton“). „Ich suche im Leben immer nach Möglichkeiten, meinen Verstand und meine Neugierde wach zu halten“, fasst Swinton es zusammen.

Gelungen ist ihr das bisher an der Seite der renommiertesten Regisseure: Sie hat mit Jim Jarmusch gedreht, mit Wes Anderson, mit Ethan und Joel Coen, mit David Fincher, mit Guillermo del Toro oder mit Luca Guadagnino. Aktuell ist noch „The Room Next Door“ in den Kinos zu sehen, in dem Swinton unter der Regie von Pedro Almodóvar neben Julianne Moore fasziniert. Soeben hat sie die Dreharbeiten zu „The Ballad of a small Player“ von Edward Berger abgeschlossen.

Für die Berlinale ist sie Muse und Maskottchen zugleich: Über 20 Filme hat sie als Künstlerin allein im letzten Vierteljahrhundert in Berlin begleitet. 2009 sogar als Jury-Präsidentin. Kurzum, sie kennt sich aus am Potsdamer Platz. „Die Berlinale ist das erste Filmfestival, das ich je besucht habe“, erklärt die Künstlerin. „Dies war mein Eintritt in die Welt, in der ich mein bisheriges Lebenswerk geschaffen habe – der Welt des internationalen Filmemachens –, und ich habe nie vergessen, was ich ihr schulde.“

Umgekehrt gilt das wohl auch. Den goldenen Ehrenbären nimmt sie, die bei den Filmfestspielen in Venedig bereits 2020 für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, am morgigen Abend im Rahmen der Eröffnungszeremonie entgegen. Ob das terminliche Gründe hat oder die neue Berlinale-Chefin Tricia Tuttle aus Kostengründen auf eine weitere der allabendlichen Galas verzichten wollte – Mrs. Swinton wird’s verschmerzen können. Sie hat genügend derartige Veranstaltungen in der Hauptstadt mitgefeiert und schon oft genug im nasskalten Februar den Fotografenrummel auf dem roten Teppich vor dem Berlinale-Palast überstanden.
ULRIKE FRICK

Artikel 2 von 11