Neue Töne braucht das Land

von Redaktion

Verleihung eines problematischen „Musical Awards“ im Deutschen Theater

Sabine Haydn, Initiatorin des Preises. © Alex Hartinger

Großer Sieger war das Stück „Ku’damm 59“ von Peter Plate und Ulf Leo Sommer. © Alex Hartinger

Die Neufassung von Mozarts „Zauberflöte“ bekam den Preis als „Bestes neues Musical“, das dürfte vor allem an den auch im Saal lautstark vertretenen Fans von Frank Nimsgern gelegen haben. © Michael Boehmlaender

Preisverleihungen sorgen immer für Diskussionen. Das liegt in der Natur der Sache und ist bei Mega-Events wie den Oscars nicht viel anders als in der deutschen Musicalszene. Hier will nun auch das Fachmagazin „Blickpunkt Musical“ eine eigene Award-Show etablieren, die nun erstmals im Silbersaal des Deutschen Theaters über die Bühne ging.

Die Frage, warum es diesen Preis unbedingt braucht, ist für Initiatorin Sabine Haydn schnell beantwortet. Weil man über ein äußerst produktives Genre spreche, das trotz geringer Subventionen in der Saison 2023/2024 ganze 67 Uraufführungen im deutschsprachigen Raum stemmte. Shows, die in vielen Fällen eben nicht nur locker flockige Unterhaltung böten, sondern sehr wohl auch gesellschaftlich relevante Themen vor einem größeren Publikum zur Diskussion stellten.

Das Publikum durfte online abstimmen

Ein Novum dieses „Musical Awards“ besteht darin, dass neben der Redaktion sowie rund 400 freien Autorinnen, Autoren und Bloggern auch das Publikum mit mehr als 20 000 Online-Stimmen mitmischen durfte. Was die Preisvergabe „so offen und fair wie möglich“ gestalten und auch als kleines Korrektiv wirken sollte, wie es hieß. Schließlich gab es immer wieder Shows, die sich trotz negativer Kritiken später zum Publikumshit mauserten.

Aber wie objektiv kann eine Abstimmung sein, bei der niemand verpflichtet ist, alle nominierten Shows zu sehen, und Fans gewöhnlich für ihre lokalen Lieblinge abstimmen? Selbst Sabine Haydn musste da eingestehen, dass sie die mit dem Sonderpreis bedachte „Schäl Sick Story“ des Kölner Scala Theaters so nicht auf dem Radar hatte. Denn im Vorteil waren klar Produktionen der großen Musical-Tempel in Berlin, Wien, Düsseldorf oder Füssen, deren Reichweite deutlich über ambitionierten Stadt- oder Privattheatern liegt. Und so war es wenig überraschend, dass man sich mit dem jüngst branchenintern vergebenen Preis der Deutschen Musical-Akademie nur in einer Kategorie deckte. Großer Sieger war klar das auch in der Fachpresse gefeierte „Ku’damm 59“ von Peter Plate und Ulf Leo Sommer.

Mit sechs Auszeichnungen konnte das Theater des Westens gleich ein Drittel aller Trophäen einstreichen. Neben Regie, Choreografie und Liedtexten etwa gleich für drei der besten Haupt- und Nebenrollen. So auch für Celina dos Santos, die mit einer akustischen Variante des Songs „Marie läuft Amok“ für Gänsehaut sorgte und anschließend den Teamgeist ihres sozial und politisch engagierten Ensembles hervorhob. Dass die bei der Münchner Uraufführung eher kühl aufgenommene Neufassung der „Zauberflöte“ trotz starker Konkurrenz den Preis als „Bestes neues Musical“ bekam, dürfte vor allem an den auch im Saal lautstark vertretenen Fans von Frank Nimsgern gelegen haben, denen der Komponist für ihre Treue dankte. Verbitterter gab sich dagegen Hartmut Forche, der für die Tournee des „Medicus“ als bester Übersetzer gekrönt wurde. Er wetterte gegen negative Rezensionen, deren Verfasser sich „wohl nicht genug mit dem Stoff beschäftigt haben“.

Und weil im von Polarisierung lebenden Social-Media-Zeitalter Grautöne so was von out sind, teilte auch Moderatorin Jennifer Siemann die Reaktionen auf die „Zauberflöte“ prompt in „Fans“ und „Hater“. Nachdem sie zuvor damit kokettierte, erst am Vorabend angefragt worden zu sein und deshalb viele Sprüche über Nacht aus den Fingern gesaugt wurden. „Danke Chat GPT“. In Momenten wie diesen bekam die Gala einen Beigeschmack, den es so nicht gebraucht hätte. Denn eigentlich sollte es doch darum gehen, gemeinsam Kreativität zu feiern, statt Klischees zu festigen.
TOBIAS HELL

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