Schnee, wohin das Auge reicht: ein Eisbär auf Grönland. © All mauritius images
Seit seinen jüngsten Romanen – sei es „Das Floß der Medusa“ oder „Die Eroberung Amerikas“ – nimmt sich der österreichische Autor Franzobel verstärkt historischer Themen an. Er ist dabei aber nicht bloß ein Geschichtserzähler, er forscht selbst akribisch im Umfeld seines Themas. Im neuen Roman „Hundert Wörter für Schnee“ geht es um die Erforschung des Nordpols und um die Gemeinschaft der „Inughuit“.
Diese kleinste Gruppe der indigenen Grönland-Inuits lebt rund 1300 Kilometer vom Nordpol entfernt, es sind somit die am weitesten nördlich lebenden Menschen der Welt. „Hundert Wörter für Schnee“ – das heißt auch ewiges Eis: „Breieis, Firneis, Schelfeis, Gletschereis, Wintereis, Morgeneis … Eis, das unter den Füßen knirscht, Schraubeis, Eismatsch und Eis, das ein Walross trägt. Dasselbe gilt für Schnee.“
Schnee und Eis sind die Lebensumgebung der Inughuits. Sie kommen damit gut zurecht: Sie essen rohes Fleisch der Seehunde, sie jagen mutig Eisbären, sie erzählen sich im Iglu lange Geschichten. Genaue Zeiteinteilung, wie der westliche Mensch sie kennt, ignorieren sie, für sie gibt es den Tag, die Nacht, den Wechsel der Jahreszeiten. Strenge Monogamie lehnen sie ab, denn nur durch Partnertausch gibt es genügend Kinder, um diese kleine Gruppe der Inughuits am Leben zu erhalten. Ein Paradies in Schnee und Eis? Vielleicht. Jedenfalls hat der Zauber ein jähes Ende. Denn das Erreichen des Nordpols wird zum Wettstreit des weißen Mannes. Frederick Albert Cook und Robert Edwin Peary kämpfen erbittert um den kalten Siegeskranz. Heute weiß man mit Sicherheit: Beide Amerikaner haben den Nordpol nie wirklich erreicht. Peary stahl den Inughuits einen großen Meteoriten, den die Indigenen als ihr Heiligtum betrachteten. Und er nahm sechs Inughuits mit in die USA. Dort betrachtete man sie als lebende Objekte für die anthropologische Forschung.
Alle diese Indigenen sterben alsbald– nur einer nicht: der junge Minik. Er ist der Held von Franzobels Roman. Minik wird mit der Zeit amerikanisiert. Es sind sicherlich die komischsten Textpassagen, wenn der junge Inughuit nicht verstehen will, weswegen man in der Schule ruhig sitzen muss anstatt Mäuse zu jagen oder wenn er als vermeintliche Seele eines Eisbärs fremden Amerikanern in die Waden beißt. „Der Junge war nicht böse, aber woher sollte er wissen, dass man Suppeneinlagen nicht mit der Hand herausfischte, es sich nicht gehörte Fliegen zu essen, man die Hauskatze nicht schlachten und roh verspeisen durfte.“
Doch die westliche Zivilisation obsiegt letztlich über Miniks Wildheit. Allerdings lässt er sich nicht komplett zähmen. Denn das Leben in der Arktis will nicht ganz aus seinem Kopf. Und so kehrt er eines Tages in die Heimat zurück. Dort muss er allerdings erkennen, dass er für die Inughuit-Gemeinschaft ein Fremder geworden ist. Minik ist die umherirrende Seele, die zwischen Natur und Mythos einerseits, Fortschritt und Zivilisation andererseits keinen festen Ankerpunkt findet.
Eingebettet in die Zeit um 1890 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs entwickelt Franzobel seine breit gefächerte Geschichte als Parabel auf die Rücksichtslosigkeit westlichen Zivilisationsstrebens. Er wäre nicht Franzobel, wenn er seinen Roman nicht mit hochkomischen Passagen, mit Witzen und auch Kalauern würzen würde. Doch das Lachen bleibt einem streckenweise im Hals stecken. Die Arroganz, das Machtstreben und die materielle Gier der Kultur der Weißen zerstört zielstrebig alles Andersartige – hier im Roman das in der Natur fest verankerte Leben in Schnee und Eis. Franzobels „Hundert Wörter für Schnee“ ist ein thematisch wie sprachlich äußerst gelungenes Plädoyer für Vielfalt und Offenheit. Keine Leserin, keinen Leser wird dieser Text kaltlassen.
ANDREAS TROJAN
Franzobel:
„Hundert Wörter für Schnee“, Zsolnay Verlag. 525 S. 28 Euro.