„Vermissen auf Japanisch“: Meistens sind die deutschen Titel eines übersetzten Buches eher, na ja, holprig; und auch der vorliegende scheint zumindest fad. Dass die Wahl gut ist, wird beim ersten Satz des Debütromans von Yukiko Tominaga indes klar: „Im Japanischen gab es keine Übersetzung für ,Ich vermisse dich‘“. „Ausgestorben“ sei der Gebrauch, erklärt die Ich-Sprecherin, ersetzt durch ein verhuschtes Einsam-Sein. Daraus entwickelt sich nach und nach eine tragische Geschichte. Die Japanerin Kyoko, die als junge Mutter in den USA lebt, hat ihren Mann verloren.
Beim Nachdenken darüber, wie man nagende Trauer und Wut in Worte fassen könnte, begreift die Schriftstellerin Sprache nicht nur als Lebenselixier, sondern auch als Träger von Kultur. Sie selbst lebt seit 2004 in den Vereinigten Staaten, besitzt eine japanische und eine US-jüdische Familie. Diese Mischung nutzt sie für ihren Roman auf mal innige, mal ironische, mal kritische und erzählerisch stets überzeugende Weise.
Zusammen mit ihrer Bubbe (Jiddisch für „Großmutter“, hier die Schwiegermutter) durchlebt Kyoko den gewaltigen Schmerz. Bubbe, Mama von vier nun erwachsenen Kindern (darunter der tödlich verunglückte Levi), zweimal geschieden, ist eine barocke, sprühende Frau. Kyoko eine introvertierte, scheue, sparsame Persönlichkeit. Beide eint, dass sie Charaktere sind, die sich nicht verbiegen lassen; schon gar nicht von Männern.
Tominaga lässt aus vielen Episoden die Jahresringe des Baums wachsen, der Kyokos Leben ausmacht, am Ende kann der Baum Stürme aushalten. Denn neben Bubbe tauchen Vater und Mutter, ja Großvater und -mutter jenseits des Meeres auf, Onkel, Freunde und Nachbarn. Mögen manche seltsam sein, krank oder nervig, geben sie doch alle Kraft an die Witwe weiter. Lebenskraft.
SIMONE DATTENBERGER